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Ziegfeld bot sofort einen Kampf Sandows mit dem Löwen an! Das brachte ihm für diesen einzigen Abend 18000 Dollar in die Kasse, obgleich der Kampf gar nicht zustande kam — denn nicht Sandow zog sich zurück, sondern der Löwe. Im Jahre 1889 hörte Ziegfeld eine junge Französin in einer englischen Revue singen: „Won’t You Come and Play With Me?“ Sein,, vollkommener Mann“ hatte damals die Anziehungskraft eingebüßt, so machte Ziegfeld die Sängerin zu seinem neuen Star. Sie hieß Anna Held, war wohl die Tochter nach Paris verzogener polnischer Eltern, mit acht Jahren Straßensängerin, mit zwölf auf dem Brettl und mit sechzehn Jahren Revuestar. Sie gedachte die Sarah Bernhard als Tragödin zu übertreffen, und — der Reporter blüht in Paris nicht minder als in New York — zu diesem Ende besuchte sie die Pariser Spitäler und studierte alle ihre Schrecken. Doch nur ein einziges Mal, in der erwähnten „Mademoiselle Napoleon“, erreichte sie ihr Ziel. Ziegfeld war inzwischen, im Jahre 1896, Theaterunternehmer gewor den, und er ließ sie danach noch in einer Reihe seiner „Französischen Revuen“ auftreten. Der letzte und wohl berühmteste war die „Miß Innocence“. Diese Darbietungen waren von leicht zweifelhaftem Ruf, doch die Lebhaftigkeit, das Augenspiel, das Kopfwinken, der fremdartige Gang von Miß Held bildeten für eine ganze amerikanische Generation das Bild der Französin und machten noch größeren Eindruck als die große Sarah Bernhard. Wozu die Begabung nicht reichte, das konnte doch die Reklame schaffen, und sie tat es. Die Geschichte von Anna Heids Bädern in Milch bildet den ersten Gemeinplatz in der Geschichte der Bühnenpresse. Doch nur wenige wissen, wie listig die Sache gemacht wurde. Die Presse war auch damals an sich mißtrauisch. Ziegfeld also las einmal im „Figaro“, daß eine Pariser Schönheit ein Bad in Eselsmilch genommen habe. Darauf bestellte er unverzüglich bei einer Meierei so und so viel Eimer Milch für Anna Held im Hotel Netherlands. Vielleicht wurde das Bad auch wirklich genommen: der schlaue Ziegfeld aber wußte, daß die Sache damit noch nicht gemacht war. Er richtete es so ein, daß die Meierei Miß Held auf Zahlung klagen mußte. Die Notiz von dem Prozeß wurde dann leicht in alle Zeitungen gebracht, und die Reporter machten die beabsichtigte internationale Sensation daraus. Nach dieser „Miß Innocence“ aber trennten sich die Wege von Ziegfeld und von Anna Held. Sie kehrte zunächst nach Paris zurück und lebte nur noch bis 1918. Entgegen der allgemeinen Meinung, ist sie in keiner der späteren Ziegfeld-Follies aufgetreten. Diese „Follies“, neben der Minstrael-Show wohl die bekannteste amerika nische Bühnenmache, begangen im Winter 1907-08. Ziegfeld war damals mit Joe Weber zusammen, hatte sich von diesem auszahlen lassen und ging nach Europa, von „Wanderlust“ ergriffen, wie er sich wörtlich und romantisch genug ausdrückte. Doch die Wanderlust trug fürs erste Zinsen. Ziegfeld gewann, in Monte Carlo, Biarritz und den anderen Spielsälen, gegen eineinhalb Millionen Dollar, davon einhunderttausend auf einem Sitz. Aber er gab sein Geld wieder aus und kehrte ausgebrannt nach Amerika zurück. Nur in seinem Kopf brachte er ein noch größeres Vermögen heim, das genaue Erinnerungsbild der „Folies Bergere“, mit dem festen Entschluß, in Amerika ähnliches zu unternehmen. Die erste der „Follies“ kostete ihn 13000Dollar für die Herstellung und 38800 Dollar 616