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ein merkwürdig klingendes gebrochenes Deutsch reden, ein Potpourri von elsässi» schem und Kölner Dialekt, welches mit Antwerpener Französisch durchschossen war. Während sie hinter der Bar Gläser wusch, rief sie mir zu: ,,Mais, Monsieur, ein Petomane das ischt nämlich ein Künschtler, der wo Bariton singt, aber ganz gewiß net mit dem Maul, aber grad von da, wo du druf sitze tuhst, Monsieur! Der bläst dir ganze Märsch und Overtiere von derer Seite, wo man sonst gar net singe tut! Deux cent francs par jour! Deux cent francs par jour! C'est tout#de# meine quelque chose. Nur blos weil er so kinschtlich blase kann!" Ist es verzeihlich, daß ich nun auf die Nummer unseres Stars neugierig ge# worden war? ,,Le moment supreme nahte. Mit einem ,,Allegro majestoso" des Orchesters betrat er die Bühne. Ein großer, schlanker, man mußte sagen, elegant aussehender Mann von etwa dreißig Jahren. Roter Frack, schwarzseidene Kniehosen, a la „Kamhill" (ein Varietesänger, der damals die Herrenmode in Paris diktierte), seidene Strümpfe und Schnallenschuhe, ein kleines schwarzes Schnurrbärtchen, kurz geschnittenes Haar und kleine, listig blickende Augen. Bevor er zu sprechen begann wie ein gewöhnlicher Sterblicher, trompetete er einen Heroldsruf zur Begrüßung des Publikums in den Saal. Dann aber, gleichsam die nur ihm eigene Sprache der Natur ins Vulgäre übersetzend, beginnt er seinen Speech mit folgenden Worten: „Bon soir, Mesdames et Messieurs! Je me presente come Bariton fin de siecle. C est absolument hygienique et sans la moindre incon# venience!“ Nun hielt er einen kleinen Vortrag und erklärte: „Ich atme die reine Euft dieses Theaters ein und gebe sie in Musik verwandelt wieder der Welt zurück! Niemand wird dadurch belästigt, meine Damen und Herren! Die Luft in'diesem Raum bleibt so rein wie im Paradies, als Adam der Apfel von der Eva angeboten wurde. Die Damen des Quartiers St. Germain wollten es kaum glauben, als ich mich bei einem Wohltätigkeitstee der Pariser Aristokratie als Phänomen des Jahr# hunderts vorstellen durfte! — Aber fangen wir an, Herr Kapellmeister!" * Das Orchester spielte nun einen Marsch. Der Tonkünstler übernahm hierbei die Baßposaune. Sodann imitierte er das Knattern eines Maschinengewehrs, die Seufzer einer „vierge hinter den Mauern eines Erziehungsinstituts, und schließ# lieh das Grollen seiner Schwiegermama. Noch niemals habe ich solche Lachstürme in einem Theater erlebt wie an diesem Abend! Man lachte nicht mehr, nein, man schrie, brüllte, quietschte vor Vergnügen! Nun ging er ins Parkett und verkaufte, nach der Art von Schaubudenkünst# lern, Postkarten mit seinem Porträt für den Preis von zwanzig Centimes. Das hatte er sich kontraktlich ausbedungen. Bevor er jedoch damit begann, teilte er dem Publikum mit, daß er sich auf seine besondere Art bedanken würde, falls jemand der geehrten Damen oder Herren ihm für sein Porträt fünfzig Centimes geben würde! Um so seltenen Dank zu ernten, opferte so mancher einen halben Frank . Als ich einige Jahre später in Paris Schüler der Academie Julian war, besuchte ich mit einer Dame der Petersburger Hofgesellschaft, weit draußen, wo das Quartier 3 609