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In Straßburg fand ich endlich wieder ein Engagement in einem großen Variete. Ich brauchte nun nicht mehr in Kneipen zu arbeiten und bei Nacht mit einem Schubkarren meine „Klamotten“ ins nächste Spiellokal zu schaffen. Ich brauchte nicht mehr, wie in Basel, mit Marktbettlern, Taschendieben, Drehorgelspielern und Vagabunden in einem Raum zu schlafen. Ich hatte ein vierwöchiges Engage* ment und konnte, ohne Sorge für den nächsten Tag, wieder malen, in die Wälder gehen und mit den Vögelchen in ihrer eigenen Sprache reden. War ich denn nicht lc celebre imitateur du chant d’oiseaux? Wenn ich im Walde sitzend den Nach* tigallenschlag nachahmte oder eine von mir frei erfundene Tonkombination pfiff, so antworteten „Amsel, Drossel, Fink und Star, ja die ganze Vogelschar . Immer näher und näher kamen sie, denn die Waldvöglein sind neugierig wie die Frauen, die in Scharen in die Oper rennen, sobald ein neuer Tenor gastiert. Ich konnte wieder davon träumen, doch noch einmal so viel Geld zu haben, um in Paris studieren zu können. Ich bekam einen Monatskontrakt für das „Eldorado“ in Antwerpen. Im Salon des kleinen Artistenhotels, in welchem das ganze Programm logierte, sah ich einen kleinen etwa achtjährigen Knaben mit einer Marionettenfigur hantieren. Er sprach mit seiner Puppe in einem Französisch „du Midi , welches die Akzente der „Cannebiere“ in Marseille verriet. Ich fragte den Knaben: „Est*ce que tu es aussi un artiste, mon petit ?'' „Oh, non Monsieur, pas moi, mais mon pere, il debute ce soir comme grande vedette a l’Eldorado! „Qu’est ce qu’il fait ton pere?" „Ah, Monsieur, mon pere est .Petomane'!“ Damit lief er aus dem Zimmer und ließ mich mit einem Rätsel allein: Peto* mane, Petomane? — Was konnte das für ein Künstler sein? — Um mir Auf* klärung zu verschaffen, wollte ich den Wirt fragen, der hinter der Bar stand. Richtig, da hing ein schmaler langer Zettel, der in blauer Schrift das Monats* programm anzeigte. Nur eine Nummer war in roten Buchstaben besonders hervor* gehoben: ATTRACTION EXTRAORDINAIRE!!! „LE CFLEBRE PETO* MANE"!!! LE BARITON FIN DE SIECLEÜ! LE CREATEUR DU GENRE !! UNIQUE AU MONDE!! Ich bat unseren Hotelwirt, der, wie die meisten Belgier seiner Klasse, jeden Fremden „duzte , um Auskunft. Er lachte mich aus und sagte. „Mais, Monsieur, tu ne sais donc pas qu’est ce que c’est un Petomane? Ca c est drole par exemple! Laissez moi vous expliquer! Voyons un petomane est eh bien est un homme qui parle une langue tout*ä*fait speciale*il est merveilleux ce type lä! — Und wieder lachte er aus vollem Halse. Nun mischte sich die kleine mollige junge Frau des Hotelwirtes, welche emp* fand, daß ich immer noch nicht im Bilde war, in unsere Unterhaltung. Sie konnte 608