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Nachdem ich im „Fürstenhaus" am Achensee einen Abend veranstaltet hatte, zählte ich meine Barschaft und fand, daß ich hier einige Tage ohne aufzutreten malen könne. An diesem Tage malte ich zum erstenmal in meinem Leben eine Gebirgsseelandschaft, so mitten drin in all der Schönheit! Ach, wie genoß ich diesen Tag der unerhörtesten Glückseligkeiten! Ich konnte es kaum glauben, daß ich, der von einem jähzornigen Vater mit Leibriemen, Kantschu und Möbelausklopfer vielverprügelte Knabe, der von den Studierenden der Berliner Kunstschule ver< höhnte, der gern geohrfeigte und zum Laufjungen degradierte „Konfektions"» Lehrling, nun hier in dieser Herrlichkeit verweilen könne! Das Blau und das Gelb» grün der Bäume am See, die Wolken, die Wiesen, den Gesang der Vögelchen, das alles sollte ich genießen können gerade so wie die reichen Damen und Herren, die im großen Hotel wohnen! Das war ein zur Wirklichkeit gewordenes Märchen! Da Ölfarben zu lange brauchen, um „durchzutrocknen", und Aquarell bei einem geschickten Anfänger leicht zum „Chice", wie man in Paris sagt, verleitet, so arbeitete ich in Gouache. Da gab es keine effektvollen Zufälligkeiten wie beim Aquarell und keine Verleitung zum Kraftmeiertum wie bei der Ölmalerei. Als die schönen Tage am Achensee vorüber waren, fuhr ich nach Innsbruck und gab eine sehr gut besuchte Vorstellung. Mein Überschuß betrug achtzig Gulden. Mit diesem Geld in der Tasche ging ich auf einen ganzen Monat hinauf in die Berge. In einer Almhütte fand ich Unterkunft. Der Herbst war da. Ich mußte wieder hinunter ins Tal zu den Menschen. Diesmal waren es Schweizer h/Ienschen. Sie saßen in rauchigen Kneipen, tranken ihren „Zwier wiies , spielten Karten und ließen sich mal von einem Zauber» künstler was vormachen, mal von einem französischen Komiker die neuesten Zwei» deutigkeiten erzählen oder von einer Tiroler Sängergesellschaft anjodeln. Ein» trittsgeld durfte zu all diesen „Soireen" nicht erhoben werden. Die Schweizer kaufen keine Katze im Sack. Erst die Wal e und dann das Geld! Alle diese fahrenden Leute mußten „absammeln gehen. Ich empfand es als eine ganz besondere Qual, bei jeder Vorstellung unter den Klängen eines von meinem Klavierspieler fortissimo heruntergedonnerten Marsches, vier» oder fünfmal mit dem Teller zu jedem Gast zu gehen. Einige der Herren Schweizer waren sehr dickhäutig. Obgleich sie schon eine Stunde meine Darbietungen „genossen" hatten, sagten sie doch: „Wir sind chrad ebbe kommen! Oder auch: „Ich will ihre Kunscht gar nit sehe, ich will nur hier mei Cafe trinke!" Es interessierte mich aus rein künstlerischen Gründen, das Wesen dieser Men» sehen zu beobachten. In diesem Kampf um ein Zehncentimestück lag so viel Komik, daß ich schließlich das Würdelose meiner Situation gar nicht mehr emp» fand. Ich ging in stolzer Haltung, ohne zu lächeln, ohne ein Wort zu reden, mit meinem Teller herum, wie ein König, der für einen guten Zweck von seinen Unter» tanen Gelder einsammelt. Es kam vor, daß ich Gästen, die so taten, als sähen sie mich nicht, wenn ich mit meinem Teller kam, nach „par dessus le marche" einen Schoppen V^ein durch den Kellner an den Tisch schickte. 607