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DIALOG PHAIDROS: Lange beim Zeus, o Sokrates, hat es heute gewährt, bis mein Rufen dich ans Fenster zu locken vermochte. SOKRATES: Wie ein sinnvoller Mythos es von Apollo und Daphne ver meldet, so oder ähnlich ist es mir, o Phaidros, heute mit meiner Brille ergangen: wie nämlich jener, von heftiger Liebe ergriffen, die Jungfrau verfolgte, und diese sich, nachdem er sie endlich erreicht hatte, in einen Lorbeerbaum verwandelte, so bin auch ich meiner Brille eine Stunde, oder auch länger, nachgejagt, und als ich sie ergriffen hatte, entglitt sie mir, gleich jener in einen, dem beabsichtigten Verwendungszwecke nicht mehr gemäßen Zustand sich verwandelnd. Was aber führt dich diesen Morgen vor mein Haus? PHAIDROS: Da, wie es wenigstens scheint, der Regen minder heftig als sonst vom Himmel fällt, so habe ich meinen selbstbeweglichen Wagen, den sie als Automobilon zu bezeichnen pflegen — SOKRATES: Wahrlich, einem Kentauren oder auch einem Bockshirsch scheint mir dies Wort vergleichbar zu sein! PHAIDROS: — aus seinem Gewahrsam hervorgezogen und bitte dich, o Sokrates, mit mir nach Nienstedten oder einem anderen diesem ähnlichen Orte dich zu begeben. SOKRATES: Wohlan denn, mein Phaidros, sogleich werde ich bei dir sein! PHAIDROS: Nicht nur die Musen fiikrer —• denn auch du, o Sokrates, dürftest ja als ein solcher bezeichnet werden —, sondern auch die Musen jünger scheint am heutigen Tage ein böser Dämon zu verfolgen. Denn soeben bemerke ich, daß jene Flüssigkeit, kraft derer das Automobüon sich vorwärts bewegt, kaum noch für eine Parasange, geschweige denn für deren viele, auszureichen scheint! Wo denn wohl möchte hier jemand gefunden werden, bei dem wir eine genügende Menge davon zu erhalten imstande sind? SOKRATES: Von den Äthiopen fürwahr oder von den die Insel Atlantis bewohnenden Menschen scheinst du mir herzukommen, da du nicht weißt, daß vor nicht langer Zeit am Mittelweg einer eine diesem Zwecke entsprechende Zu rüstung getroffen hat. PHAIDROS: So laßt uns denn sobald wie möglich diesen aufsuchen! SOKRATES: Das scheint auch mir das beste zu sein. * PHAIDROS: Rasch, o Benzinopompe, fülle mir den Behälter des hier stehen den Wagens, damit wir, bevor der Regen wieder stärker wird, die Fahrt beginnen können! BENZINOPOMPOS: Dieses, o Phaidros, soll gerne von mir getan werden. Denn warum, beim Zeus, sollte wohl ein in bezug auf den Verstand Gesunder dasjenige, wozu er tauglich ist und durch dessen Ausübung er seinen Lebens unterhalt erwirbt, vorzunehmen sich weigern? Aber ein Weilchen werdet ihr euch gedulden müssen, bis das Benzin in genügender Menge hineingeflossen ist. SOKRATES: Mit den Worten des Homer möchte ich jetzt auch dir, mein Phaidros, zurufen: „Dulde nur, dulde, mein Herz, schon Schlimmeres hast du ertragen!“ 594