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allein das Nötige getan, und alles war gut gegangen; jetzt ging gar nichts mehr gut, und die armen Chefs sollten außerdem nach dem Willen des Herrn F., damit das laufende Band richtig bedient werden könnte, ein drittes Fräulein engagieren. Man versteht wohl, wie sich die Sache verhielt: Herr F. stand nicht unter der Herrschaft des Begriffes, sondern unter der Suggestion des Wortes „Rationali sierung“. Gewiß, er stellt in seiner Dummheit eine Ausnahme dar, aber immerhin hatte er doch Verstand genug, um seinen Beruf auszuüben. Wie verwirrt muß er also gewesen sein, um dem Wort „Rationalisierung“ zuliebe so unrationell sein zu wollen, und die Frage, ob seine Maßnahmen nicht ein, wenn auch extremes Beispiel für andere, im Großen vor sich gehende, weniger kontrollierbare Organi sierungskünste darstellen, bleibe unbeantwortet. Ich würde sie nach allem, was mich die Zeit lehrt, bejahen. Denn man mag diese betrachten von welcher Seite man auch will, zu dem einen Resultat kommt man immer wieder: daß es die unsachlichste Zeit ist, die man sich nur denken kann. Und daran trägt zu einem großen Teil ein Wort die Schuld: das Wort „Sachlichkeit“. Dieses Wort war es, das die Leute gezwungen hat, Stühle zu kaufen, die in ihrer tollen Unsachlichkeit ihren Zweck in vollkommener Weise verfehlt haben, weil auf ihnen zu sitzen eine Tortur gewesen ist; das die Leute dazu gebracht hat, in Wohnungen zu hausen, die eines lebendigen Menschen unwürdig sind; dieses Wort war es aber auch, das ganze Kunstgebiete in Verwirrung gebracht hat. Denn man kann zwar unter Sachlichkeit die Tendenz verstehen, einer Sache gerecht zu werden, sie nach den ihr von der Natur mitgegebenen Gesetzen zu betrachten und zu behandeln, eine Tendenz, die immer schon von allen ehrlichen und in ihrem Instinkt un verdorbenen Menschen verfolgt wurde, deren Notwendigkeit aber durch einen neu auftauchenden oder aus der alten Vokabulatur hervorgeholten Ausdruck von neuem zu betonen durchaus von Vorteil hätte sein können; man kann jedoch unter Sachlichkeit noch etwas anderes verstehen: ganz dumm, plump und unsäg lich primitiv immer nur die Sache selbst, das Ding, den Gegenstand. Man hat sich nicht entgehen lassen, unter diesen beiden Bedeutungen die alles in Unordnung bringende Bedeutung auszuwählen. Natürlich, bei dem ungeheuren Bedürfnis nach Worten wird ein jedes, sobald es nur auftaucht und bevor es noch eigentlich hat gehört werden können, schon weitergegeben, der Klang entscheidet, das Ungefähre, das es auszudrücken scheint, wird aufgegriffen, bevor es aber noch hat begriffen werden können, wird es schon mißbraucht, und schon ist es das Stigma einer Epoche. Infolge dieser nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren, nicht aufs Ziel gerichteten Sachlichkeit hat man überall die Sachen, hat man nicht nur vom Journalismus, sondern auch vom Roman Reportage verlangt und vom Drama, daß es nicht der Idee dient, daß es nicht nur aktuelle Probleme, sondern gleich die aktuellen Tatsachen erörtert. Eines Tages allerdings beginnen sie vielleicht zu schreien: ein Kunstwerk müsse auch ein Kunstwerk, ein Theaterstück auch ein Theaterstück sein! Die Erfahrung muß sie erst lehren, was sie der einfache, wirklich auf die Sache gerichtete Instinkt hätte lehren müssen, wenn sie sich nicht von einem Wort hätten niederboxen lassen. (Gewiß, in Zeiten der Not und der Krisen wird die Realität mehr Gewicht bekommen müssen, aber darum geht es 585