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als ein Fachausdruck der Kunst. Im Kampf gegen Stil-, Symbol- und Ideali sierungsstreben der klassisch-romantischen Richtungen wird die Wirklichkeit entdeckt. Eine große Tat! Wir verdanken ihr das Zeitalter Balzacs, Zolas, Dostojewskis, Tolstois, Manets und seiner Nachfolger. Was aber bedeutet, abgesehen von historischen Feststellungen, in allgemein stem Kultursinn, das Wort „Realismus“? Die Antwort muß klar lauten, Realis mus sei das unmittelbare Verhalten der Menschen zu den Dingen des Lebens, die vorurteilsloseste Art seiner Beziehung zur Natur, ungetrübt durch religiöse, politische oder andere Abstraktionen. Wir kommen nun zum entscheidenden Punkt. Entspricht der radikale Realismus unseres Zeitalters dieser gültigen Definition? Ist er wirklich des Menschen neugeboren inniges Verhalten zur Natur, die vorurteilslose Beziehung zu allen Lebensdingen, die Überwindung aller Abstraktionen? Ehe ich diese Frage mit Nein erwidere, bitte ich Sie um einen kleinen Denk- Einhalt. Wenn das Leben ein uferloser Strom ist, so tanzt das Gesamtbewußtsein der Menschheit wie ein kleines Blättchen auf diesem Strom, vor und rückwärts gerissen, nach rechts und links gewirbelt, meist aber im Kreise gedreht. Da das Gedächtnis für den Zickzack dieser Bewegungen unendlich kurz ist, da ferner das Ufer als Orientierungspunkt nicht existiert, so kann sich selbst das erleuchtetste Atom dieses Bewußtseins über alles mögliche Meinungen bilden, nur nicht über die Rich tung seines Weges, womit Begriffe wie Fortschritt, Evo lution, Entwicklung usw. erkenntnismäßig erledigt sind. Die neue Forschung beginnt zu ahnen, daß der Erdstern schon viele großartige Kultur-Aeonen in sich zurückge- gesaugt hat, angesichts derer die sogenannte historische Menschheit ein unbeträchtliches Splitterchen darstellt. Der modernenKulturphilosophie, allen Auf- und U ntergängen des Abendlandes haftet darum immer etwas Gewölkes und Spielerisches an, weshalb ich Sie, meinerseits wenigstens, höflich um Entschuldigung bitte. In einem einzigen Punkt hat der radikale Realismus der letzten Jahrzehnte das Programm erfüllt, das in seinem Namen liegt. Er nähert den Menschen seinem Körper an, in einer bis dahin unbegreiflichen Weise. Man kannsehr wohl von einer Entdeckung, ja Eroberung des mensch lichen Leibes durch den Menschen sprechen. Ich denke nicht nur an Hygiene,Sport, Freiluftleben, Badegetümmel, Frauenkleidung, sondern an eine noch weit intensivere An- freundung des Menschen mit seinem körperlichen Selbst, die sich historisch noch gar nicht auswirken konnte. Diese Großtat des modernen Realismus hat, wie wir gleich sehen werden, einen eminent symbolischen Sinn: Horror vacui 1 Die verhungernde Innerlichkeit des Menschen stützt sich auf das nächstliegende Objekt, auf den Körper. Es ist dies ein fast onanistischer Rückzug aus der völlig entwirklich- 437