Volltext Seite (XML)
Der gute Ton auf der Straße Von Jaroslav Hasek Wir müssen uns immer bewußt bleiben, daß die Straße für alle Pas santen und nicht allein für uns da ist. Die gute Sitte verlangt, daß wir die Leute auf dem Gehsteig nicht anrem peln, nicht unbekannte Damen und Herren belästigen und uns mit dem Schutzmann nicht auf der Fahrstraße herumbalgen. Derlei Angelegenheiten werden in einer Toreinfahrt erledigt. Gleichermaßen ist es ungehörig und unschön, Passanten anzubrüllen und die Zunge auszustrecken auf das in der Straßenbahn, in Wagen und Autos vorbeifahrende Publikum. Auf der Promenade müssen wir darauf achten, daß wir keine Schaufenster eindrücken, nicht mit der Zigarette oder Zigarre die Kleider der vor uns Gehenden ver brennen, keinen fremden Hund zer treten und die Hände nicht in fremde Taschen stecken. Geschieht dies aber, so müssen wir sagen: „Pardon, bitte, zu entschuldigen, seien Sie gefälligst nicht böse.“ Es ist unsere Pflicht, uns tunlichst höflich zu entschuldigen, damit wir einer Ge richtsverhandlung entgehen und damit derjenige, bei welchem wir uns ent schuldigen, nicht nur keine blutunter laufenen Flecken, sondern den Ein drude davontrage, daß er einen Gent leman vor sich hat. Damit ist allerdings nicht gesagt, daß wir auf der Straße sentimental sein sollen, denn das Hinknien vor den uns begegnenden Damen madit keinen guten Eindruck, weil unser Straßenanzug nicht an den Knien be staubt werden soll. Unsere Gewan dung und Beschuhung muß rein sein; sich die Schuhe auf dem Gehsteig zu putzen oder den Anzug auf der Pro menade auszubürsten, ist unzulässig. Auf der Straße müssen wir alle Vor übergehenden durch unser tadelloses Benehmen bezaubern. Wir sollen uns davor hüten, auf der Straße mit offe nen Knopflöchern und aufgeknüpften Bändchen an Beinkleidern und Schuhen zu erscheinen. Es ist absolut ungehörig, älteren Herren oder Damen, die uns auf dem Gehsteig entgegenkommen, ein Bein zu stellen. Jedenfalls soll dies unauffällig geschehen, damit wir jeg liches Aergernis vermeiden. Wir sollen Achtung vor dem Alter haben und alle Leute, die älter sind als wir, durdi höfliches Lüften des Hutes und mit einladendem Lächeln begrüßen. Wenn ich im ungewissen bin, ob der Herr oder die Dame, die mir entgegenkommen, älter sind als ich, so trete ich höflich und taktvoll auf sie zu und frage sie nach ihrem Alter. (Deutsch von Otto Pick) Straßenbetrachtung. Es gibt nichts, was verführerischer wirkt, als eine Frau, die beim Verlassen des Hotels einen Augenblick lang unent schieden über die verschiedenen Straßen blickt. Es gibt eine Welt zwischen der Straße und dem Zuhause. Man ahnt sie, wenn man eine Dame in Straßen kleidung ein Instrument im Klavier geschäft ausprobieren sieht. Ramön Gömez de la Serna Vierhändig. Zwei Leute, die auf ein und demselben Klavier vierhändig spielen, kommen mir immer ärmlich vor . . . Und man hat das Gefühl, dazu müsse es Winter sein, so dicht rücken sie zusammen, als ob es sie fröre. Und dann kommt immer der Moment, wo ihre Hände aufeinander herumzuklet tern beginnen. Als wollten sie justament auf ein und derselben Stelle spielen . . . Und wenn eine Hand einen Augenblick zu den hohen Tönen entwischt, dann kommt sie ganz schnell wieder zurück, als wäre es dort oben noch kälter. Sachet Guitry Nächster Querschnitt —13. August