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bezichtigt und dieser Ismus sodann mit Siegermiene zur Strecke gebracht. 8. Ulyxes ist die achte Figur. Ihr Wesen ist das Abschwenken auf ein anderes Feld und das Erörtern einer anderen Sache als der strittigen. Dadurch wird die Polemik ergiebig belebt, die schwachen Positionen werden maskiert, und es nimmt kein Ende. Man nennt dies auch: den Gegner ermüden. 9. Testimonia. Diese Figur bedeutet, daß man sich gelegentlich mit Erfolg auf eine (irgendeine) Autorität berufen darf, etwa: „schon Pantagruel sagte“ oder „wie Treitschke bewiesen hat“. Bei entsprechender Belesenheit läßt sich für jede Meinung irgendein Zitat Starke finden, das sie mit einem Schlage widerlegt. 10. Quousque. Diese Figur gleicht der vorigen, nur daß sie sich auf keine Autori täten beruft. Man sagt einfach: „Das ist längst abgetan“ oder: „ein längst über wundener Standpunkt“ oder: „Jedes Kind weiß . . .“ und so weiter. Gegen das, was solchermaßen überwunden ist, braucht man keine weiteren Beweise ins Treffen zu führen; der Leser glaubt es, und der Gegner ist gezwungen, „längst erledigte Dinge“ zu verteidigen, was eine ziemlich unsympathische Aufgabe ist. 11. Impossihile. Der Gegner darf niemals und in keiner Sache recht haben. Wenn ihm auch nur ein Zipfelchen Vernunft und Gerechtigkeit zugestanden würde, wäre der polemische Kampf gleichsam verloren. Mißglückt es, einen seiner Sätze zu widerlegen, so ist es immer noch möglich zu sagen: „Herr X. will mich belehren, daß . . .“, „Herr X. trumpft mit so platten und längst be kannten Wahrheiten auf, wie seiner .Entdeckung', daß . . .“, „Herr X. bläst zum Rückzug und versteckt sich hinter der Behauptung . . .“, „Staune, Welt! Eine blinde Henne hat ein Körnchen gefunden und verkündet nun, daß . . .“ Kurzum, etwas findet sich schon, nicht wahr? 12. Jubilare. Dies ist eine der wichtigsten Figuren, und sie beruht darauf, daß man aus dem schriftlichen Kampf stets mit der Geste des Siegers hervorgehen müsse. Der polemische Fachmann ist niemals besiegt; stets ist es der andere, der „überführt worden“ und „fertig“ ist. Dadurch unterscheidet sich auch die Polemik von jedem ändern Sport. Der griechisch-römische Kämpfer anerkennt ehrlich, daß er besiegt sei; aber wohl keine Polemik hat mit den Worten geendet: Deine Hand her, du hast mich überzeugt. Es gibt noch viele andere Figuren, aber man erlasse mir ihre Aufzählung; mögen die Literarhistoriker sie auf den Gefilden unserer Revuen und Zeitungen analysieren. (Deutsch von Otto Fick) 480