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•fc sie durch die Besichtigung der literarischen Bildwerke von der Überflüssigkeit alles Geschriebenen über 2 eugt wurden. Daneben entwickelte sich der Elitestand der Film- und Drehbuchautoren, die nur „Originalstoffe lieferten“. Ihr bedeutendstes Verdienst war, daß sie der bisherigen Verschwommenheit und, die Naivität des Publikums in schamloser Weise ausnutzenden Unberechenbarkeit aller Kunstinhalte ein energisches Ende setzten. Sie standardisierten für ein und alle Filmfälle folgendes klare, allgemein menschlich gültige Grundschema: 1. Akt: Zwei lieben einander. 2. bis 6. Akt: Sie können zueinander nicht kommen. 7. Akt: Sie kriegen sich. Als es endlich so weit war, verführte die unersetzliche Sensationsgier des Kinopublikums, das in undankbarster Weise dem Kunsttempel seiner Sehnsüchte fernzubleiben begann, zur Erfindung des Tonfilms, der sich mit der Macht des Tons im Nu der geräuscherfüllten Kulturbezirke der Heidelberger Studenten, der Wiener Madeln und der kraftvoll liebenden Kavalleristen bemächtigte und sich um die Geographie besonders verdient machte, indem er das Vorhandensein bisher unausgeschöpfter Gewässer: des Rheins, der Donau, der Wolga, ja sogar der Südsee eruierte. Und das alles, wohlgemerkt, mit Ton. Und das Fehlen des Tons war doch das einzige, unbezahlbare Plus des Stummfilms gewesen, der der ordinären Welt doch eben nur dies voraushatte: Abwesenheit des Lärms und der Geschwätzigkeit. Das erkannten und äußerten in ehrlicher Umkehr auch sofort alle diejenigen, die bisher am lautesten gerufen hatten: Nie kann der Film zur Vollkunst werden, fehlt ihm doch das Wort! Nun riefen sie nicht weniger laut: Der Film ist eine Kunst fürs Auge -— er gehorcht optischen Gesetzen! Tonfilm ist ein ebensolcher Nonsens wie stumme Musik. Und siehe da, es kam wieder ganz, ganz anders. Für den Tonfilm entstand eine Reihe ganz neuer Gesetze, die nicht aus dem Vorhergehenden abzuleiten waren: 1. Das Dialoggesetz: „Sprich im Tonfilm, wie du, wenn du es hörst, niemals dich erinnern wirst, gesprochen zu haben.“ (Kleine Probe: „Könnten Sie nicht noch einmal die bittere Narbe des Schicksals vergessen, Gräfin?“). 2. Das Schlagergesetz: Die Überwindung sämtlicher dramaturgischer Schwierig keiten von Anno dazumal. (Probe: Blinder: Was, Sie wollen schon gehen? — Tauber: Weißt du, warum ich gehe? Frag nicht warum! usw.) Es gibt noch viele andere Tonfilmgesetze •— um nur noch zwei beliebig heraus zugreifen —, z. B. das Operettengesetz und das Kriminalgesetz! So hat sich also der Tonfilm jetzt schon alles, was dem Stummfilm noch fehlte, zu eigen gemacht. Und nun erst setzt seine eigentliche Entwicklung ein. Mit Recht rufen alle die Rufer von früher jetzt wieder: Sparsamste Anwendung des Tons und des Dialogs. Für den Tonfilm gelten ausschließlich die Gesetze des stummen Films! Und so wird zwangsläufig der Tonfilm stummer und stummer werden, bis er eines Tages ganz verstummt sein wird. Und der neuentdeckte Stummfilm, für den dann wieder akustische Gesetze Geltung erlangen werden (die sich nicht ans Auge wenden), wird sparsamer und sparsamer in der Bewegung werden, bis er eines Tages ganz stillesteht. Dann wird das vielumstrittene Problem des Films endlich gelöst sein. 464