Quandt Aus dem „Dybuk“ Während die niederen Lebewesen jene Nahrung suchen, die ihnen am besten angepaßt ist und bei ihr verharren, hat der Mensch in sich einen unendlich differenzierten und wählerischen Geschmack entwickelt. Unser Sinnesorgan, Zunge und Gaumen, reagiert auf hundertfache feine Reize, während sich das Tier wahrscheinlich mit zweien oder dreien bescheiden muß. Wir erleben bei unseren Mahlzeiten also hundertfache ILealität, die einfach nicht vorhanden wäre, verzehrten wir die Speise nur als kalorienerfüllte hungerstillende Materie. (Rasch sei hier etwas fast Symbolisches eingeschaltet, was dem irrealen Wesen der Realgesinnung tief entspricht: Ich denke an die seit Jahrzehnten bekannten Experimente der Chemiker, die eifrig einen Weg suchen, um der Menschheit eine synthetische Einheitsnahrung in Pillenform zu bescheren.) Die Geschmacksdifferenziertheit, der wählerische Appetit des Menschengeschlechts ist eine biologische Riesentat, nicht unseres Sinnesorgans, sondern unserer Seele in ihrem Kampf um Freiheit und Individualität. Indem wir den Bissen physisch-sinnlich verinnerlichen, ver innerlichen wir ihn psychisch, wir erleben ihn, das heißt wir geben ihm eine Wirk lichkeit, die er an sich gar nicht hat. 443