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läßt, gehen die Leute anderswo zugrunde; reift in Brasilien verschwenderisch der Kaffee, so reifenin New York nicht weniger verschwenderisch die Selbstmorde. Wie man sieht, eine überaus reale Welt. Um in ihr nicht selber ganz und gar irreal zu werden, muß man schon ein gelernter Nationalökonom sein. Trotz alledem steht die Realgesinnung bei den Schuldigen und bei den Opfern noch immer zuhöchst im Kurs. Man greift sich an den Kopf, liest man in Zeitungen und Biographien ehrfürchtige Hymnen auf den Automobilfabri kanten Henry Ford. Seine Arbeiter können zwar mit fünfzig Jahren krepieren, dürfen aber vorher, um den Absatz der Fabrik zu steigern, die Straßen mit ihren eigenen Ratterschachteln verstopfen. Ich kann mir nicht helfen: wenn Ford ein großer Mann ist, dann ist jeder Greisler ein großer Mann, der durch eine glück- hche Verkaufsmethode alle anderen Greisler seines Bezirks überflügelt. Zwischen ihm und Ford ist kein genereller, wesenhafter Unterschied, sondern nur ein quantitativer und ein Unterschied des Niveaus. Ob und mit welchen technischen Errungenschaften jemand Herstellung und Vertrieb von Automobilen, Schmirgel papier oder Seife organisiert, ist Sache der Tüchtigkeit und des geschäftlichen Weitblickes. Dieser Weitblick mag von prophetischer Distanz sein; da er sich immer nur auf Schmirgelpapier, Automobile, Seife, Zündhölzchen bezieht, hat er zwar mit Nützlichkeit manches zu tun, aber nichts mit schöpferischer Größe. Ansonsten müßten Shakespeare, Goethe und Rembrandt das Adjektiv „Groß“ dankend dieser Zeit zur Verfügung stellen. Das ist es gerade, und hier sind wir auf den Nerv unseres Problems gestoßen. Was im Laufe des ganzen neunzehnten Jahrhunderts der Realgesinnung trotz größten Kraftaufwandes nicht gelungen ist, das hat sie in dem einzigen Jahrzehnt nach dem Weltkrieg mühelos erreicht: Die Einschüchterung, ja Unterdrückung der menschlichen Innerlichkeit, die Entwertung des schöpferischen Geistes. Sie hat unserer Seele den Glauben genommen, zuvörderst aber den Glauben an diese Seele selbst. Dafür ist es ein entsetzensvoller Beweis, daß die Jugend und die Revolution, sonst die ewigen Verteidiger des Lebens gegen den Tod, diesmal nicht auf seiten der Vergewaltigten stehen, sondern auf seiten des Vergewaltigers. Im Lichte dieser Erkenntnis erscheint der Kommunismus als eingeborener • legitimer Sohn des Kapitalismus. Heute noch ein ungebärdiges Kind, bewährt er • doch die Familieneigenschaften von Tag zu Tag deutlicher. Anstatt einer größeren Zahl von Unternehmern ist der russische Staat der einzige Universalkapitalist. Nicht mehr eine einzige Klasse von Lohnsklaven beutet er aus, sondern das ganze Volk ohne Ausnahme besteht jetzt aus Lohnsklaven. (Restlose Proletarisierung, also Irrealisierung.) Er, der Erzkapitalist, nützt seine Allmacht aus, indem er Streik recht, Lohnkampf, Koalitionsfreiheit usw. skrupellos aufhebt. Zum Ersatz bietet er seiner Partei (einer Art Streikbrechergarde) den Fusel einer Ideologie, die sich nicht von ihrer falschen Mathematik nährt, sondern vom abgestandenen Pathos längst verrauschter heroischer Revolutions-Epochen. Ehe ich fortfahre, will ich ein Axiom aufstellen: Ohne Innerlichkeit gibt es keine äußere Welt, ohne Phantasie keine Realität. Ich spreche damit keine gewundene Sentenz aus, sondern eine sehr einfache und alte Wahrheit, die jeder von uns in jedem Augenblick an sich selbst erfährt. Betrachten wir irgendeinen primitiven Vorgang, das Essen zum Beispiel.