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DIE HERRNFELDS Von Egon Jacobsohn Ella fünf, Käthe neun, Anton elf, Donat sieben Jahre alt, da wollten mal die vier Geschwister (alle in Raab zur Welt gekommen, in Budapest die ersten Jahre verlebt und nun in Wien) furcht bar gern heiße Wiener essen. Da zog das Quartett, um das Kapital zu er werben, ins Ringtheater, das damals knapp vor seinem Brande stand, und spielten in einer Märchenvorstellung für eine Gesamtgage von sechs Paar Wienern mit. Auf der Bühne, wo sie als Neger schwarz geschminkt ihre neuen teuren Anzüge und Kleider völlig verschmutzt hatten, „entdeckte“ sie der Wiener Al Jolson der damaligen Zeit, der Stimmungssänger Abramo- wicz, und da sich die vier wegen der Keile, die sie wegen der eingedreckten Kleidung en gros bezogen hätten, so wieso nicht heimwagten, rückten sie pauschal aus und wurden so übern sonst harmlosen Nachmittag zu den „Fünf Geschwistern Abramowicz“. Mit ihrem großen Bruder wanderten sie als „Urkomisches Quintett“, teils in Matrosenkleidung, teils als Zukunfts flieger kostümiert, singend und tanzend durch ganz Europa und landeten schließlich bei Quark am Alexander platz in Berlin. Hier schloß ihr Meister Abramowicz einen Bomben vertrag für sie alle nach Amerika. Seinen vier Pseudo-Geschwistern gefiel aber Berlin so herrlich, daß sie auf die Brüderschaft pfiffen, ihn allein übern damals noch gefährlichen Teich segeln ließen und als selbständige Komiker - Truppe unter dem Namen „Geschwister Vera“ aber mals durch ganz Europa tingelten. Anton, sechzehn Jahre alt, und Donat, ganze zwölf, wurden so Direk toren eines eigenen Ensembles: sie beide als Couplet-Sänger, vollends ohne Stimme, ihre Schwestern als Stimmungs- Vortragskünstlerinnen, zwei engagierte Tänzerinnen und einen Ringkämpfer nebst Partner für den Anfang, und das happy end ihrer geschlossenen Abend vorstellungen. Leider verdienten sie damals nichts, das heißt: Geld kam schon in Mengen ein, nur schlug ihr Ringer dem Anton allabendlich knapp vor seinem Auftritt so lange in die Direktorenfresse, bis er ihm die Ein nahmen ä conto überließ. Da er einen Vierteljahrvertrag hatte, konnten die Brüder von diesem unbarmherzigen Burschen nicht gut fortkommen. Als das rabiate Mitglied eines Abends seine finanziellen Verhandlungen wieder mit einer kessen Rauferei beginnen wollte, sah er sich im Direktionszimmer zwei mit Revolvern bewaffneten Direktoren gegenüber. Bevor er noch etwas von Vorschuß sagen konnte, schossen die Herrnfelds ihm was vor, aber mit heißem Wasser, bis der zu Tode er schreckte Ringer schmerzerfüllt um Gnade flehte, auf jede vorherige Zah lung verzichtete — seither behielten die Direktoren das Geld wieder für sich. So wurden sie Millionäre. * Donat liebte Bulldoggen. Eine, die ihn ständig begleitete, biß in einer Ahlbecker Sommersaison etwa zwanzig Badegäste. Donat mußte blechen, aber die Dogge blieb an seiner Seite. „Hier sind gleich 200 Mark vorausgezahlt“, erklärte er dem empörten Gemeinde vorsteher, „wenn auch diese Summe verbissen ist, bitte ich um Benachrichti gung!“ Vier Tage darauf erfolgte sie. Die Bestie hatte nach drei ändern, mit je 75 Mark abgefundenen Opfern einem Feuerwehrmann die Uniform zerfetzt. Das war nicht mit einem simplen Fünfziger zu erledigen. „Wir werden hier in Ahlbeck eine Wohltätigkeits vorstellung für die gesamte Feuerwehr veranstalten“, versprach Donat, „der Köter wird noch heute abgeschafft!“ Diese Vorstellung der Herrnfelds im Ahlbecker Kurhaus fand vor aus verkauftem Hause statt. Donat erklärte 199