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deshalb steht da eine Untertasse voll loser Schrotkörner, Pfropfen, eine Blech büchse voll Pulver und ein Instrument, die Ladung in die Hülsen zu stopfen. Des weiteren ein langer Stock zum Reinigen des Gewehrs; ein unzählbares und unbenennbares Durcheinander von Messingstücken, Draht, Schrauben, Muttern, Ventilen und was sonst noch allem — alles Bestandteile eines Radios, das er aus einandergenommen hat. Ferner ein illustrierter Automobil-Katalog, ein Hammer, ein Schraubenzieher, Bindfadenrestchen, Messer usw., ein reichlich abgegriffenes Buch über Schiffsbau. Ein richtiger Bubentisch, werdet ihr sagen, und normal — ganz wie er sein soll. Ja, aber der Tisch hat nicht gereicht, und auch der Fußboden muß herhalten, nichts wird aufgeräumt, und deshalb kann nichts abgestaubt werden! Der Anzug liegt als ein Bündel auf dem Boden. Nun mag ich ja vielleicht allerhand über die häuslichen Bedürfnisse und Ge pflogenheiten der männlichen Lebewesen vergessen haben, aber ich weiß noch, daß Hosen, wenn man sie zusammengeknüllt liegen läßt, sich nachher in weit schlimmerem Zustand befinden als etwa ein Weiberrock, dem man dieselbe Be handlung angedeihen läßt. Hosen sollten wenn möglich täglich gebügelt werden. Da man das nicht kann, sollten sie zumindest gefaltet und säuberlich auf einen Stuhl gelegt werden. Ich hebe also die Sachen vom Boden auf. Das erscheint mir einfacher als lange Auseinandersetzungen. „Hast du deine Zähne geputzt?“ „Nein — ich bin zu müde.“ „Hast du sie heute morgen geputzt?“ Er weiß es nicht mehr genau, was be- sagt, da er wahrheitsliebend ist, daß er es nicht getan hat. Seine Schwester dagegen pflegt ihre Zähne zu putzen und benutzt reichlich Seife im Bad. Er ist nicht übermäßig auf ein Bad versessen, willigt aber, wenn man ihn drängt, ein, sich hineinzulegen und sich aufweichen zu lassen. Das Wasser ist ebenso klar, wenn er heraussteigt wie beim Hineinsteigen. Er sagt: das ist darum so, weil er so rein ist! Ich weiß, daß es so ist, weil er keine Seife benutzt. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er Seife nimmt, weiß ich es. Da läßt er sie im Wasser liegen und schmelzen! Er ist am glücklichsten, wenn er ein Gewehr oder eine Pistole abfeuern kann. Ist kein zum Töten geeignetes Tier in der Nähe, so stört er die Stille unseres Gartens damit, daß er auf ein Ziel schießt, möglichst auf eine Flasche, die er auf dem Gartenweg zertöppert, auf dem ich mit sandalenbewehrtem Fuß lustwandle. Ist’s keine Flasche, dann ein Eimer. Der Lärm, mit dem das Geschoß das Zink durchschlägt, gefällt ihm. Nach seiner Abreise konnten wir keinen Eimer auf treiben, der Wasser hielt. Wenn er von einem Ritt zurückkommt, schubst er das Pferd in den Stall und läßt es stehen. Kommt seine Schwester vom Reiten heim, nimmt sie den Sattel ab, reibt das Pferd trocken und befreit es vom Zaum. Als er das letztemal in die Schule abreiste, nahm er seinen Lautsprecher mit, eingewickelt in Papier; er packte einen mit Säure gefüllten Akkumulator in den Lautsprecher hinein. Der Gärtner, ahnungslos, lud sich den Lautsprecher auf den Rücken und trug ihn zum Wagen. Die Säure floß aus; eine Stunde später waren Hemd und Hose des Gärtners buchstäblich in Fransen 1 Zweifellos erging es den Trägern, die ihn zum Zug brachten, ebenso. Jedes Mädchen hätte so viel Vernunft besessen, beides getrennt zu tragen: „Vorsicht! Nicht stürzen!“ 179