Volltext Seite (XML)
besitzet weiß nicht, daß et selbst tot ist. Wenn er dem Fräulein erscheint, greift er nach Speisen. Sie bedeutet ihm dann, daß er tot ist. Er glaubt es nicht, kann aber die Speisen nicht greifen und zieht dann verdrossen ab. Miranda bekam hier einen schrecklichen Hustenanfall, und ich hielt es für gut, die Sitzung nun abzubrechen. „Nun, Miranda?“ fragte ich auf der Treppe. „Nun kann ich es Ihnen ja sagen“, antwortete sie. „In meiner Familie gab es auch Fälle von Geistesgestörtheit.“ * Am nächsten Tag gingen wir zu einem Tee, wo von Psychologie und Psycho analyse gesprochen wurde. Von Mutterkomplexen und Hemmungen war die Rede, von Traumanalyse, von einem Mann, der seiner Frau einen Minderwertig keitskomplex suggeriert hatte, dergestalt, daß sie, um sich bestätigt zu sehen, mit vielen Männern zu schlafen begann, worauf er sich scheiden ließ und sie los war. — Der Fall einer Frau, die zweimal unglücklich verheiratet war, wurde analysiert, und tiefsinnig wurde herausgebracht, daß diese Frau einen Vaterkomplex hatte, an den Vater gebunden wäre und, um ihn nicht zu betrügen, „gewissermaßen unterbewußt absichtlich“ sich immer die falschen Männer aussuchte. Hier fand ich Miranda verdutzter noch als bei dem spiritistischen Fräulein. „Nun, Miranda“, fragte ich sie auf der Treppe. „Meine Großmutter zum Beispiel“, sagte sie, „hatte eine sonderbare Form von Irresein. Die Frau war sonst halbwegs vernünftig, aber allnächtlich um zwölf ging sie mit einer Petroleumlampe in fremde Gärten, die sie nichts angingen, ihre übrigens längst verstorbenen Kinder darin zu suchen. Die Nachbarn nahmen erst großes Ärgernis, aber nachher sahen sie ein, daß die alte Dame sich einen Herzens wunsch damit befriedigte. * Am dritten Tag nahm ich Miranda mit in eine Gesellschaft von jungen Dich tern. Bolschewisten. Alles, was gelebt, getan und geatmet wird, maßen sie an Marx und Hegel und, was nicht marxistisch war, und, was nicht dialektisch war, lehnten sie ab. „Marx hat gesagt . . .“ „nach Hegel ist völlig klar“ . . . Jede zweite Lebensform wurde nach diesem Maßstab unmöglich. Miranda war ziemlich ver drießlich. „Nun, Aliranda?“ fragte ich auf der Treppe. „Ja, also, das habe ich Ihnen nie erzählt, mein Urgroßvater ging jegliche Nacht um elf auf den Friedhof zum Grabe seines Vaters. Die Stadt gab ihm den Kirchhof schlüssel. Und wissen Sie, was er dort tat? Er besprach dann mit seinem ver storbenen Vater alle laufenden Tagesgeschäfte, Unternehmungen, oft fragwürdige Sachen, mit denen er andere schädigte. Die Antwort des Vaters vernahm er dann nach seinem Wunsch.“ „Liebe Miranda, ich sehe, Berlin bietet Ihnen nichts Neues.“ „Doch“, sagte sie, „bei uns kriegt immer mal einer den Sonnenstich, aber hier sehe ich, erkranken ganze Gruppen am Nebel.“