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Wahrscheinlich gibt es heute bereits Stücke, auf die dieses neue System sich verlassen könnte — trotz der Entmutigung, die man den „gutgesinnten“ Bühnen autoren im letzten Jahrzehnt hat zuteil werden lassen. Sollte aber ein Direktor wirklich nichts finden können, was seiner Bühne neue Bedeutung verleiht, dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als von vorn anzufangen. Alle werden von vorn anfangen müssen, und wer sich zuerst dazu entschließt, wird in einigen Jahren das Rennen auf das glanzvollste gewonnen haben! Der Direktor muß sich seine Dramatiker wieder suchen und sie entwickeln. Das Stück ist und bleibt die Zelle des Theaters — diese Binsenwahrheit sieht heute wie eine Utopie aus. Was man in zehn Jahren zerstört hat, wird allerdings nicht in einer Saison wieder aufgebaut. Um ein Beispiel zu wählen: was könnte es für ein Theater bedeutet haben, wenn es mit Zuckmayer einen Vertrag abgeschlossen hätte — damals, als er sein drama turgisches Büro gelegentlich mit der süßen Last einiger Briketts verließ, um sich für künftige Meisterwerke einzuheizen. Was hätte eine solche ehrlich gewollte und ehrlich erfüllte Bindung für beide Teile bedeuten können: Anregung, Zu führung frischen Blutes, Sicherheit für die Arbeit des Autors, den die Disziplin der Bühnennotwendigkeiten gesegnet hätte, und ungezählte Gelder! Aber zu einem solchen Entschluß bedarf es eines Willens, und eines —- bedauerlich, daß es wiederholt werden muß —, eines geistigen Ziels. Niemand wird diese Anregungen so verstehen, als ob hier mit hektischen Wangen ein kompromißfreies Theater gefordert würde, auf dem nur neue Autoren gespielt werden sollen! Nein, die Totalität des Theaters in ihrer ganzen schönen Weitläufigkeit soll wieder aufgerichtet werden, denn das Theater ist zugrunde gegangen, weil es keine Totalität mehr ist. Eine neue „Nora“ vermehrt auch die Chancen einer neuen Ehebruchskomödie, wie das harmlose Stück in dem Augenblick wieder als angenehm empfunden werden wird, wenn man nicht mehr ausschließlich darauf angewiesen ist. Die erste Hälfte der Saison 1930-31 scheint nur veranstaltet worden zu sein, um alles, was hier behauptet und gefordert worden ist, durch Lehrbeispiele zu beweisen. Das Stück hat aufgehört, den Theatern blieb die Luft weg. Fast lauter Durchschnittsware wurde geboten, die Zugkraft selbst der berühmtesten Schau spieler erwies sich einem größeren Publikum gegenüber als wirkungslos. Aber das einzige neue Werk, das gezeigt wurde, Bruckners Elisabeth, bekam einen außerordentlichen Zulauf, der nicht auf die sehr gerühmte Aufführung zurück zuführen ist. Auch soweit das Theater tat, was zu einem gewissen Prozentsatz ihm immer wieder zu tun gestattet ist, nämlich auf ältere Werke zurückzugreifen, hatte es vollen Erfolg, besonders wenn diese älteren Werke in hervorragenden Inszenierungen zu sehen waren: Nora, Der Schwierige, Der blaue Boll, Eiliom. Alle übrigen Wege, die versucht wurden, führten immer nur zu Lethargie oder zu Agonie. Aus Mangel an Kontrasten machten selbst die Stücke keinen Eindruck, die einen Erfolg verdient hätten. Ein einziges Berliner Theater hat sich in diesem Winter nicht erschüttern lassen, ja es konnte sich sogar konsolidieren, ein Theater, das hauptsächlich von Abonnenten abhängig, in einen festen Arbeitsplan gepreßt ist und auf eine genau vorgezeichnete Bahn gesetzt: die Volksbühne. Sie hat ihre Aufgabe lösen können, weil sie eine Aufgabe hat. 167