ausgesucht wurden, und nicht die Schauspieler für Stücke, ist etwas eingetreten, das man eine Verinzüchtung der Produktion nennen könnte. Unter Produktion wird hier nicht jene Boulevardkunst verstanden, die auf dem Weg von Budapest bis New York schon viel Unterhaltsames geschaffen hat. Produktion ist auch nicht das ängstliche Bemühen mancher Autoren, nur das zu ersinnen und zu äußern, was bereits hundertmal ersonnen und geäußert worden ist, sondern Produktion heißt, dem Theater neue Inhalte und Formen zuzuführen. Es heißt, den Stücken den Weg zu bereiten, die heutzutage etwa die Funktion von den „Stützen der Gesellschaft“, von „Frühlings Erwachen“ und den „Webern“ zu erfüllen hätten, und darum hat sich kein Theater der Welt im letzten Jahrzehnt ernsthaft bemüht. Im Gegenteil, man schlägt sich an die Brust und weist auf die großen Widerstände hin, mit denen die genannten Stücke bei ihrem Erscheinen zu kämpfen hatten, und glaubt das hohe Niveau des heutigen Theater besuchers dadurch zu beweisen, daß diese Werke heute zum eisernen Bestand jedes Theaters gehören, und nichts als Be geisterung entfesseln. Hier aber stößt man auf den entscheiden den Irrtum. Denn alle diese Stücke haben heute keine Funktion mehr — es sei denn, daß sie nebenbei Dichtungen sind. Wir empfinden heute nicht mehr, daß die Türen überhaupt jemals geschlossen waren, die von diesen Stücken ein gerannt wurden. Themen wie soziale Ungerechtigkeit oder Liebesnot der Jugend haben ihren Stachel verloren, weil die Problemstellung allmählich als richtig er kannt wurde und somit zur Abendunterhaltung degradiert werden konnte. Diese Stücke sind also nicht mehr das, was sie ursprünglich waren, was ihren Wert ausmachte: Bezwingung des Hörers durch einen neuen und mutigen Geist. Denn es ist eine unumstößliche Wahrheit: am liebsten läßt sich das Publikum im Theater vergewaltigen — und wenn es sich auch zunächst mit ziemlicher Regelmäßigkeit zu wehren pflegt, so soll das ja angeblich den Genuß erhöhen. Daß die Theater nicht mehr besucht werden, liegt nur daran, daß man sich diesen Genuß heute nicht mehr — es wird hier nur von Berlin gesprochen! — und nirgends mehr verschaffen kann. Wie eine Schulklasse sich gemein gegen einen kranken und schwachen Lehrer benimmt, so wird das Theater vom Pu blikum immer verächtlicher behandelt, weil es keine geistige Autorität mehr besitzt. Die Direktoren sagen: bitte zeigt uns die guten Stücke, und wir spielen Hermann Rombach Der Autor 165