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Kirschenbaum ausnehmend gut zu dem groben, zynischen Moskau des Stalins sehen Regimes. Ist dieser Mensch, der schein» bar so viel erreicht hat, wahr» haft glücklich / Ich glaube nicht. Es fehlt ihm die letzte, volle Befriedigung. Nicht nur, weil ihn der Gedanke an die Zukunft beunruhigt: er hat ja einen klaren Kopf und vermag es besser als irgendein anderer zu beurteilen, wohin die Stalins sehen Experimente führen können. Sondern, weil auch das Leben der Gegenwart ohne rechte Fülle ist. Er strebte zur Macht über die Menschen— aber jeder seiner Schritte ist von oben vorgezeichnet. In den Augen des Auslandes ist er der Leiter der auswärtigen Sowjetpolitik. In Wirklichkeit nur der Berichterstatter des Politbüro, der Ausführer seiner Befehle, der Sekretär der Auswärtigen Angelegenheiten. Er strebte zu einem gesicherten, angenehmen, genußreichen Leben. Aber er kann sich nichts von dem leisten, was die Männer der Macht und des Geldes im Ausland besitzen. Denn die ganze Struktur des Moskauer Lebens ist anders, ist auf Askese und scheinheiligem Pharisäertum aufgebaut. Es ist gewaltsam in die von den Parteizensoren gezogenen Rahmen eingezwängt. Selbst jener relative Luxus, der ihn und seinesgleichen durch den Besitz von requirierten Villen und nahrhaftem Essen von den übrigen Bewohs nern Rußlands unterscheidet, bringt keine Genugtuung, denn auch er ist vor» bestimmt, abgemessen, mechanisiert. Zudem ist er derb und schwer, wie der Mittagstisch im Kreml. Dieser Mann aber hat den Geschmack und die Gewöhn» heiten eines Westeuropäers. Im Grunde seiner Seele ist er ein großer Individualist. Das graue, elende Rußland liebt er überhaupt nicht. Aber das revolutionierte, kollektivisierte, kasernenmäßig»langweilige Rußland von heute ist ihm direkt zu» wider. Jedes Jahr, sobald der Frühling kommt, begibt er sich in das Zentral» komitee der Partei und erreicht mit Hilfe von Drohungen, Klagen, Kompromissen einen Auslandsurlaub. Das ist seine einzige Erquickung. Wenn er die Grenze über» schritten hat, atmet er erleichtert auf: „Endlich losgekommen!" Aber auch hier erwartet ihn keine reine Freude. Er, der sich sein ganzes Leben nach Ruhm und Ehre gesehnt hat, darf in einen ausländischen Kurort nicht als der weltbekannte Volkskommissar Litwinow reisen, sondern nur als irgendein xbeliebiger „Ingenieur Maximow aus Twer". (Deutsch von O. Gabrielli.) 163