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schießen zu lassen. Gab sich eifrig seinen Privatangelegenheiten hin. Heiratete. Wurde Vater — und führte sein Kind im Kinderwagen durch die Straßen Londons spazieren. Und plötzlich — doch Revolution! Litwinow wird der erste Sowjetbotschafter in England. Von niemand anerkannt zwar — aber dennoch ein Botschafter. Freilich dauerte es nicht lange. Er wurde verhaftet. Aber im Moskauer Gefängnis saß Lockkart, der englische Generalkonsul, und wie man sagte, der Hauptorgani» sator der Spionage und allerhand dunkler Machenschaften. Lenin fand, daß die Persönlichkeiten Lockkart und Litwinow gleichwertig seien. London war derselben Meinung. Und Litwinow wurde gegen Lockkart ausgetauscht. Etwas bange war es ihm doch, nach Rußland zurückzukehren. Wie mochte das Spiel enden ? Aber er hatte keinen Ausweg. Und dann roch es doch recht verlockend aus dem großen russischen Reich: nach Ehre, Macht und Geld. Er ließ in England die Familie und das Bankkonto zurück und fuhr. Bald tauchte er übrigens wieder im Ausland auf: in Kopenhagen, Stockholm, Reval. Er wurde selbstsicherer und dicker. Die Zeit war bewegt, die Geschäfte gingen gut. Von Reval aus realisierte er den Goldfonds des russischen Reiches. Dann versiegte der Fonds — Litwinow fuhr nach Moskau, das endgültig gesiegt hatte. Man steckte ihn, den Praktiker, in das Kommissariat für Auswärtige Angelegen» heiten, als Gegengewicht zu dem Träumer Tschitscherin. Er lebte sich ein, ließ die Familie nachkommen, begann nach dem Ministersessel zu schielen. Schließlich erreichte er es. Ohne zu dem engeren Kreise Stalins zu gehören, verstand er es doch ganz gut, ihn zu nehmen. Litwinow hatte niemals eigene politische Ideen. Und gerade deshalb ist er für den Posten eines Volkskommissars ein äußerst geeigneter Mann. Er widerspricht nicht, ist nicht eigensinnig, hält jede gewünschte Linie ein. Und da die politische Linie jetzt in einer Richtung verläuft, die ihm seiner ganzen Vergangenheit nach wohl vertraut ist, denn es riecht wieder angenehm für seine Sinne: nach dem Rauch der Aufstände, nach Konterbandesäcken, nach dem Metall der Waffen —■ so ist er ein ausgezeichneter Mitarbeiter. Er paßt — innerlich und äußerlich — g anz vor ' züglich zu der Sowjetpolitik der heutigen Tage. Die Umgebung, in der er sein Leben verbrachte, hat deutliche Spuren an ihm hinterlassen. Aufkäufer des ge» stohlenen Geldes, heimliche Waffenhändler, Schmuggler, zweifelhafte Bankiers, Geschäftemacher aller Art — das waren die Menschen, mit denen er hauptsächlich zu tun hatte. Er nahm ihre Sprache, ihre Manieren, ihre Denkart an. Als er mit Diplomaten in Berührung kam, gab er sich nicht die Mühe, sich zu ändern. Er lernte nur dies und jenes hinzu, eignete sich die technische Seite der Dinge an: die diplomatische Routine, die Grundlagen des internationalen Rechtes. Innerlich blieb er, der er war. Und deshalb behandelte er die Diplomaten so, als seien sie Aufkäufer des Gestohlenen, heimliche Waffenhändler, Geschäftemacher und Schmuggler — nichts weiter. Diese Einstellung bestimmt den Ton und die Politik Litwinows. Sie stieß von ihm solche Leute ab wie Graf Rantzau. Aber er paßt 162