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Litwinow war ein starker und hauptsächlich ein lebensgieriger Mensch. Diese Lebensgier war die eigentliche Triebfeder seines künftigen Schicksals. Er wollte sich durchsetzen, um jeden Preis. Er strebte zum guten Leben, zu Geld, Ruhm, zur Macht über die Menschen. Wenn die Erlebnisse seiner Jugend sich anders gestaltet hätten, so wäre er wahrscheinlich — unabhängig von der Revolution — dennoch aus Rußland in den freien Westen ausgewandert. Dort hätte er als ein gleich« berechtigter Mensch leben, an der Börse spekulieren, mit Leder, Kaffee, Mehl handeln und auf diesem Wege seinen Lebenstraum verwirklichen können. Aber er kam mit der Revolution in Berührung — und das hat sein Geschick voraus« bestimmt. Tolstoi, glaube ich, sagte, daß es zwei Kategorien Menschen gibt, die Revolu« tionäre werden: solche von hoher moralischer Gesinnung, die zu ändern Zeiten und unter anderen Umständen als Heilige gegolten hätten, und jene, die unter dem durchschnittlichen sittlichen Niveau stehen, der Bodensatz der menschlichen Gesellschaft, Banditen, Degenerierte, Erpresser. Das ist natürlich nicht richtig: in der revolutionären Schicht gibt es, wie in jeder ändern, eine Menge ganz gewöhn, licher, ganz normaler Menschen. Leute, die nur deshalb diesen Weg beschritten haben, weil es sich zufällig so gemacht hat, weil das Schicksal es so wollte. Litwinow ist weder ein Heiliger noch ein Bandit. Er ist ein ganz normaler Mensch. Er ist — der Geschäftsmann der Revolution. Jener leichte Anflug von Idealismus, der sich seiner Seele in der Jugend bemäch« tigt hatte, verschwand bei der ersten Berührung mit der westeuropäischen Wirk« lichkeit. Er erkannte und fand sich selbst. Um die Lebensgier, die sein ganzes Wesen durchdrang, zu befriedigen, durfte er nicht träumen, sich nicht knabenhaft von seinen Nerven beherrschen lassen, er mußte handeln. HANDELN groß geschrie« ben, wie der Amerikaner „Business“ schreibt. Für einen Geschäftsmann aber ist jedes Handeln recht — wenn es nur Nutzen bringt. Dennoch sagte er nicht, wie viele andere: „Fort von der Revolution!" Er ergab sich nicht ausschließlich dem Leder, dem Kaffee oder dem Getreide. Mit dem feinen Instinkt eines geborenen Kaufmanns begriff er, daß die russische Revolution vielleicht gar kein schlechtes Geschäft werden würde. Im Falle des Gelingens könnte es sogar mehr abwerfen als jedes andere. Und er hatte sich nicht geirrt. Alle ändern ihm verwandten Seelen, die hach dem ersten Zusammenstoß mit der rauhen irklichkeit die Sache der Revolution verlassen hatten, verloren ihr Geld, ihre Häuser und jegliche Macht über die Menschen Er aber sitzt in einem Minister, sessel und verhandelt mit den Lenkern der Weltgeschicke. Als Lenin ihn kennenlernte, begriff er, welch eine wertvolle Errungenschaft dieser der Revolution innerlich so fremde Mensch bedeutete. Träumer, Theore« t* , Verfasser bissiger Traktate und langweiliger Programme gab es genug in ihren Reihen. Männer der Tat fehlten fast gänzlich — außer in der Masse, in der unteren Volksschicht. Aber das waren Helden ändern Kalibers. Sie konnten töten und auf Barrikaden sterben. Aber wer vermochte die Organisation für sie zu 2 159