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„Mein Gott“, gestand ich, „ich habe welche, und habe auch wieder keine.“ „Sie sollten einen philosophischen Film machen.“ Es schien mir wenig angebracht, dem Besitzer einer so schönen Zigarre zu widersprechen, und ich sagte: „Haben Sie eine Idee für einen philosophischen Film?“ Ich führte die Ethik Spinozas an und mußte erleben, wie dieser Mensch den Stummel seiner Coronas immensas fortwarf, um mir bequemer um den Hals fallen zu können. Er verhehlte mir nicht, daß ich ein Genie wäre, rief ein Sechs- Zylinder-Taxi herbei und stieß mich mit den Worten hinein: „Würden Sie mit zwei Millionen aus kommen?“ Als ich, etwas betäubt, nicht gleich antwortete, faßte er mein Schweigen auf seine Weise auf und brüllte mir ins Ohr, um den Lärm des schuckelnden Wagens zu übertönen: „Ich bin ja verrückt! Wie soll sich Ihr Talent mit zwei Millionen ausleben können! Sie brauchen natürlich sehr viel mehr, und ich werde meinen letzten Heller opfern, um die Verwirklichung dieses großen Werkes zu erleben.“ Im Studio angekommen (denn das Taxi hatte uns zu einem Studio gebracht), teilte er so enorme Trinkgelder aus, daß man seine Anordnungen auf der Stelle befolgte. Sein erster Wunsch war die Einberufung des gesamten Personals, das mir zujubeln sollte. Die Arbeit wurde sofort unter allgemeiner Begeisterung in Angriff genommen. Mein Geldgeber stand mir immer zur Seite und teilte Gold mit vollen Händen aus. Nach einem Jahr und acht Tagen war der Film vollendet und zur Vorführung bereit. Wir hatten den Abgeordnetensaal gemietet, der sich unglücklicherweise als viel zu klein erwies. Durch den Beifall und das bewundernde Gebrüll konnte man den Text nicht hören, was aber nicht viel ausmachte; denn ich bin vor allem Dichter in Bildern. Am Ausgang erwartete mich der Präsident der Republik und legte mir die Commandeurschleife der Ehrenlegion an. Die Place de la Concorde war schwarz von Menschen, und die Menge drängte mir nach, um zu sehen, wie ich in die let2te Untergrundbahn stieg, auf der Station „Deputes“. Der Stations vorsteher mußte eine Ansprache halten und ließ den Zug nicht eher abfahren, als bis er ihn mit eigener Hand mit Fahnen in den französischen Nationalfarben geschmückt hatte. Auf dem Quai stand ein Gesangverein als Deputation von jenseits des Rheins und sang „Deutschland, Deutschland über alles“. Es war sehr rührend. Als sich der Zug in Bewegung setzte, wurde die Aufmerksamkeit der Menge für einen Augenblick durch ein dumpfes Geräusch abgelenkt. Es war die Hauptdarstellerin des Films, die sich eine Kugel durch den Kopf jagte, weil ich vergessen hatte, sie zu fragen, ob sie nicht mit mir schlafen wolle. Mein Geldgeber, der während all dieser Ereignisse nicht von meiner Seite gewichen war, kam mit mir auf mein Zimmer und hielt mir folgende Ansprache: „Ich bin glücklich. Ich habe Ihnen alles gegeben. Ich habe kein Geld mehr, ich habe meine Wohnung verkaufen müssen, und um die Ausgaben dieses letzten Abends zu bestreiten, hat meine treue Ehehälfte nach dreißig Jahren eines wolken losen Glücks sich mit einem Amerikaner prostituieren müssen. Damit das Opfer vollkommen sei, bleibt mir nur noch dies zu tun übrig . . .“ Und damit ließ er seine Hosen herunter und entblößte einen schlichten, kleinen, rosigen Hintern. 33