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neue Bildeinstellung erfordert, primitive und kärgliche Dekoration, mühseliger und platter, ganz allgemein kindischer Sprechtext, und ein Dialog ohne Profil, ohne Farbe, ohne dramatische Lebendigkeit. Alles das soll Ihnen aber nur nahelegen, mit Ihrem Urteil zurückzuhalten. Schon macht sich nämlich der Wettbewerb und seine Wirkung geltend. Das Klangspiel geht mit Riesenschritten einer Vervollkommnung, Verbesserung entgegen. — Filme wie „Halleluja“ von King Vidor, wie „Burlesque“ von C. Cromwell, wie „Thunderbolt“ von Sternberg bezeichnen Etappen, die ganz einfach beweisen. Diese Filme haben alle Eigenschaften der besten stummen: die filmische Bewegtheit, der Bildrhythmus sind maßgebend, aber das erregende Interesse wird verstärkt durch die Reizmöglichkeiten des Klangs und des Wortes; sie werden alle klug, diskret, künstlerisch angewendet. In diesen Filmen gibt es nicht mehr die gemeinen Konzessionen, die der Klang um des Klanges willen heischte; nicht mehr die Musik-Zwischenspiele, wie man sie der Handlung künstlich aufgeklebt hat, — Fehler der ersten Sprechfilme, die sich nur mit der staunenden Gier des Publikums entschuldigen lassen, das von dem neuen Wunder nicht genug bekommen konnte. Alle hergebrachten Abarten des stummen Films bekommen, wenn sie tönend werden, neuen Wertausdruck; aber es entstehen neue, neue gewinnen Bedeutung. Das Filmspiel erobert sich Neuland. Der Film als Dokument und als Aktuali tätsbild verzehnfacht seine dokumentarische Bedeutung. Haben Sie etwa eine Rede von Mussolini gehört, das Gebet der tibetanischen Lamas, die Messe der Jeanne d’Arc, wie sie in Domremy gesungen wird? Ist das nicht ganz anders dokumentarisch? Synchronisierte Laufbilder bekommen durch den Klang ein Mehrfaches an drastischem Ausdruck, einen neuen Auftrieb. Drama und Roman gewinnen, wenn sie tönend werden und das Wort ge brauchen dürfen, die Möglichkeit, alle Nuancen, alle Konflikte, alle Emp findungen wiederzugeben, die der stumme Film nicht übermitteln kann; Möglichkeit, Charaktere zu schildern, den handelnden Personen nachzugehen, ohne darum in die Unart des ab gekürzten Theaters verfallen zu müssen. Ein Tonfilm-Drama ist vor allem Film und nicht photo graphiertes Theater. Der Grund unterschied läßt sich etwa folgen dermaßen ausdrücken: im Theater wird die Situation durch die Worte umschrieben — im Film müssen sich die Worte aus der Situation ergeben. Das heißt: der Film um schleicht, weil er sich des Wortes bemächtigt hat, nicht das Theater; er behält die gleiche Distanz wie früher, bleibt eine davon ver schiedene, nur weiterhin wir kende, nun freiere Kunst.