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still nebeneinander, atmet ein und rotzt. Dieses ist, selbst Hand in Hand, aus gesprochen unangenehm und steht fast keiner Dame gut. Dagegen ist ein Kopflichtbad bis 90 Grad Celsius eines der lösendsten und zugleich angenehmsten Dinge. Auch hier kann man sich die Hand halten lassen, was aber, da die Oeffentlichkeit unbeschränkt ist, albern und sentimental wirkt. Schicke Leute, deren Beruf es ist, den Geist niemals feiern zu lassen, halten sich die „B. Z.“ oder das „8-Uhr-Abendblatt“ vors Gesicht und lesen die Geheimnisse der Furstenhofe, während ihre Birne weich wird und zerrinnt. Die Schwester mit den altattischen Zügen knipst aus, führt einen fort zwecks Erledigung wei terer Stationen nach hinten. Kragen und Krawatten liegen herum. „Schwester, ich habe keine Lappen mehr!“ schreit der Doktor. „Die Serviette ist nicht zum Schnauben da, nur zum Schweißabwischen, für Schnauben haben Sie Papierservietten!“ befiehlt die attische Schwester. „Was denken Sie sich denn?“ Schon dachte man: sie spricht doch, ist ein menschliches Wesen wie du, keine stumme, machtvolle Göttin. Aber schon wird sie abgerufen aus dieser mensch- ich, allzu menschlichen Betätigung, haut ab. „Schwester, hier ist ein hübscher, junger Mann, bekommt Rotlicht“, und die Schwester drückt einen etwas wür digen Herrn mittleren Alters in den Klubfauteuil. „Freimachen bitte —", stellt die Lampe ein und gibt Rotlicht auf den Speckhals. Guido Thielscher erscheint in der Türspalte des Wartezimmers, möchte gern, daß man sich mit ihm beschäftigt. Guido, wie auf der Bühne, mit dem albernen Ausdruck, komisch verträumt, zum Verzicht bereit. Herr Heinrich Mann geht groß und erhaben und mit langem, langem Gesicht herum und übersieht alles geflissentlich, und wenn es gar nicht mehr anders geht und man fragt: „Wie geht es Ihnen, Herr Mann?“ sagt er szpitz: „Vorzüglich. Sonst wäre ich nicht hier.“ Und dabei wollte man mit dieser Frage ihm doch nichts weiter sagen als „Guten Tag". Und da ist auch der ehrliche alte Naturbursche Alexander Granach, mit dem man Kampener Erinnerungen austauscht, er ist immer ein bißchen nasal, daher ein treuer Anhänger der großen Kunst des großen Magiers, und Mady, schlank und zielbewußt, die Treueste der Treuen. Und überall in dieser Mikroben weit regiert der Doktor. Er dirigiert alles, Rotlicht, Blaulicht, Inhalation, Sauerstoff (das letzte kleine Zimmer links hinter dem Vorhang). Er ist umgeben von Rotzen, Husten, Spucken, Niesen, Schnäuzen (und wie, weil es nicht heraus will, weil es kein Ende hat). Unentwegt, unentwegt! Natürlich gibt es Großkampftage, Großkampfzeiten, das ist hauptsächlich im Winter bei plötzlichen Witterungsumschlägen, und die ganz große Zeit — des Doktors große Zeit — ist der Frühling, so die Zeit um die „gestrengen Herren“ herum. Und wenn es abflaut, Sonnenschein durchbricht, wenn die Hochsaison vorbei ist, sagt der Doktor wohl ein bißchen schwerfällig: „Kein Mensch heute, ich komme mir vor wie auf einer einsamen Insel. Heute nur 42 Patienten.“ Er bekämpft die Mikroben und sagt: „Bei mir hat sich noch niemand einen Schnupfen geholt.“ Aber er selbst vor allem auch nicht. Er ist gefeit, mikroben sicher, denn alles Große achtet die Natur. Sie schont es, denn was sollten die 124