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liner braucht. Denn, wie man konstatieren konnte, ist kaum jemand vor dem Ende weggegangen, so daß sich unsereins, der im Westen zu Hause ist, total ver dorben und degeneriert vorkommt. Und Herr und Frau Carow, diese präch tigen Menschen von Schrot und Korn, was sie uns besonders sympathisch macht und noch besonderer Erwähnung verdient, rechnen nachher auch noch persönlich ab (wer tut das vielleicht von anderen Theaterdirektoren Berlins), eine ausge sprochene Familienangelegenheit, und so muß es eben sein, wenn man diesen Bombenerfolg haben will. Der große Bekannte (Ohren, Nasen, Rachen) Wer doof ist: geht links ins Wartezimmer, wer frech ist: rechts direkt in den Operationsraum. Hier bist du sofort mittendrin, eine liegt unter Blau-, die andere unter Rot licht mit geöffnetem Busen, auf daß die Strahlen ihre Wirkung tun. Köpfe schweben in Glaskästen. Die Augen des Eingeschlossenen stieren sachlich und am Haupt rinnt ihm der Schweiß herunter. Hier herrscht eine ausgesprochen feindliche Sachlichkeit, die dir sofort das Wort auf der Zunge und die Mensch lichkeit im Gemüt ersterben läßt. Wehe dir, wenn du dir, was dich sonst inter essiert, allzu genau ansiehst — wenn du dich „ungeniert“ gibst. Du wirst es nicht tun, sondern dich nach der Schwester umsehen, die aussieht wie die attische Göttin im Alten Museum, streng und ungerührt, aber lebendig. „Herr Soundso“, schallt über den Gang eine Stimme, die gewohnt ist zu be fehlen mit Metall. Du begibst dich schnell hinaus, siehst vor dir noch einen weißen Aerztekittel in einer Tür verschwinden, folgst und wirst auf einen Bock niedergedrückt. Du erhältst ein Gazeläppchen in die Hand gedrückt. „Fassen Sie die Zunge an, weit heraus, sagen Sie iiiiiii!“ „Iiiiiii“ (Husten, Kotzbedürfnis, das mangels Masse lächerlich wirkt). „Nochmals!“ „iiiiiiii“ „Sieht aus wie ’n Affenarsch! Schwester! Der Herr bekommt rotes Licht, Inhalation, Sauerstoff, erst Pfropfen in die Nase — der Nächste bitte!“ „Darf ich Sie bitten?“ Frau X. kommt wieder nicht ran, endlich kommt sie ran. „Lieber Herr Doktor, ich habe solange gewartet. Seit einer Stunde bin ich hier.“ „Sie werden lachen, gnädige Frau, aber ich bin noch länger hier! Womit —? — wann müssen Sie in der Oper sein? Halb acht. Gemacht, mein Schatz!“ Wird nach einer halben Stunde Einatmen, Rotbestrahlung, Sauerstoff, mit einem Wattepfropfen in der Nase und dem Rat, wenn sie gefragt würde, zu fagen, es hätte ihr in die Nase geschneit, entlassen. Zuerst also die ätherischen Oele, die sich voll Lust auf das neue Betätigungsfeld in Nase und Rachen er gießen. Man sitzt getrennt durch eine Glaswand, atmet ein, rotzt und rotzt wieder. Wenn man gänzlich verstockt ist, bekommt man eine Gummischürze, weil man sich sonst allzu vollsabbert. Kommt man neben einem geliebten Wesen zu sitzen, und sie erlaubt es, ergreift man ihre Hand zum Trost und sitzt so 123