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„Doch, ich glaube es“, sagte ich. Ich fragte sie, was sie zu tun gedenken, wenn sie Smith College verlassen: zu Hause bleiben oder einen Beruf ergreifen? „Wir wollen natürlich arbeiten“, sagt Dorothy Ward. „Ich werde Journa listin. Ich bin jetzt schon Korrespondentin für eine große New Yorker Zeitung, die ich über Smith College informiere . . . Lucy will Gartenarchitektin werden.“ „Ja“, sagte Lucy Gaskeil und erhebt sich wie ein Wirbelwind, „sehen Sie sich einmal das Landhaus an, das ich gemacht habe . . .“ Sie schleppt mich durch Häuser, durch den Park. Wir kommen durch den botanischen Garten, dann durch Gewächshäuser mit tropischen Pflanzen, dann durch einen Felsengarten, wo Gebirgspflanzen gezüchtet werden, dann in die Gärtnerklasse, wo die Studentinnen darin unterrichtet werden, Beete so zu komponieren, daß die Farbenzusammenstellung schön ist und der Garten während des ganzen Jahres blühende Blumen trägt. Im angrenzenden Raum arbeiten vier junge Mädchen mit Ton, Moos und farbigem Papier an einem Gartenrelief. Am Abend halte ich einen Vortrag im Konzertsaal. Es ist ein reizender Anblick: junge Mädchen als Zuhörerschaft. Nach dem Vortrag findet ein kleines Diner bei den Professoren statt. Sie erklären mir ihre Arbeitsmethode: „Man muß die Studentinnen dazu bringen, sich mit einem Buch zu beschäftigen und es wirklich kennen zu lernen. Ihre natürliche Veranlagung geht dahin, alles anzufangen und nichts zu vertiefen. In diesem Jahr lesen unsere Schülerinnen nur ein Buch „Le Crime de Sylvestre Bonnard“, aber sie haben es Wort für Wort studiert.“ „Sind sie begabt?“ „Sehr begabt, sie haben immer originelle Einfälle und sind wahrscheinlich phantasievoller und poetischer als die Europäerinnen. Aber sie arbeiten nicht viel.“ „Ich“, sagte ein anderer Professor, „unterrichte sie in dramatischer Literatur. Ich spreche gerade über die Stücke von Dumas Fils. Sie sind entsetzt und fragen mich: ja, gibt es denn solche Menschen?“ Auf dem Heimweg, gegen Mitternacht, treffen wir junge Mädchen mit bren nenden Zigaretten. „Wann müssen sie zu Hause sein?“ „Im allgemeinen um zehn Uhr, aber diese kommen vom Observatorium . . . Am nächsten Morgen zeigt man mir die Turnhalle. Es ist Tanzstunde, und fünfzig hübsche Mädchen in kurzen Tuniken werfen und fangen imaginäre Blumen. Dann gehen wir in die Schwimmhalle, die jungen Mädchen im Bade trikot lernen tauchen. Die Lehrerin, gleichfalls im Badetrikot, ist noch sehr jung, sie sitzt auf den Marmorfliesen und notiert die kleinen Fehler der Tauche rinnen. Draußen treffen wir auf den Wiesen eine Anzahl Bogenschützinnen und hinter den Dianen zwei weibliche Hockeymannschaften. Auf dem See jagen einander vier langgestreckte Boote. Alles sieht traumhaft aus. Ich entsinne mich, als ich sechzehn Jahre alt war, mußten wir einmal einen Aufsatz schreiben: Die Schule im Land der Utopie. Das, was ich damals geschrieben hatte, glich ungefähr diesem idyllischen, heidnischen Decorum. (Deutsch von Lissj Kadermacher.) 118