Volltext Seite (XML)
Pfund Mais, Brot für Sandwiches und gehen in die Hütte. Wir marschieren dann zehn oder zwölf Kilometer, wir kochen unser Essen selbst und dann unterhalten wir uns lange und sehen dabei den Sternen zu, die durch die Tannen leuchten. In der Großartigkeit der Natur erscheinen alle Sorgen klein und lächerlich. Am nächsten Morgen kehre ich erfrischt, glücklich, verwandelt in das College, in mein Zimmer zurück.“ Die Studenten genießen hier, wie an allen amerikanischen Universi täten, große Freiheit und Unabhängigkeit. Sie sind nicht verpflichtet, am Unter richt teilzunehmen, wenn ihre Leistungen einem gewissen Niveau entsprechen. Wenn sie aber schlechte Noten haben, werden sie auf eine Liste gesetzt, ihre Namen werden aufgerufen, und sie müssen antworten. Die Freiheit dehnt sich auch auf die Professoren aus. Ein junger, glänzend begabter Franzose, der in Dartmouth französische Literatur liest, erzählt mir folgendes: „Einige Wochen nach meiner Ankunft hier, ließ ich meine Frau aus Frankreich kommen. Ich mußte nach New York gehen, um sie abzuholen. Das bedeutete eine Abwesenheit von drei oder vier Tagen; ich ging zum Dekan, um die Erlaubnis einzuholen. Er sah mich erstaunt an: „Warum fragen Sie mich,“ sagte er, „wenn Sie nach New York gehen müssen, gehen Sie.“ Und ich habe tatsächlich festgestellt, daß meine amerikanischen Kollegen ohne weiteres den Unterricht ausfallen lassen, wenn dazu irgendein Grund vorliegt. Den Studenten ist es gestattet, den Hörsaal zu verlassen, wenn der Professor mehr als sieben Minuten Verspätung hat. Glauben Sie, daß damit Mißbrauch getrieben wird? Keinesfalls. Entgegengebrachtes Vertrauen hat Gewissenhaftigkeit zur Folge. Sie werden sehen, Sie lernen dieses Land noch lieben . . .“ Und er fügte hinzu: „Ich möchte gern nach Frankreich zurückkehren.“ Man spricht oft von dem demokratischen Geist der Amerikaner. Er lebt in Wahrheit nicht in der Politik (wo, wie überall, eine Minorität von Fachleuten die Geschäfte des Landes führt), sondern in den Umgangsformen. An einer amerikanischen Universität wird ein armer Student nicht gedemütigt. Er arbeitet, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sei es nun, daß er bei Tisch seine Kameraden bedient, mit denen er sich nachher wieder ganz zwanglos zusammen setzt, oder sei es, daß er bei Leuten aus der Stadt oder der Umgebung im Dienst steht. Wenn die Frau eines Professors keine Dienstboten findet, nimmt sie einen Studenten zum Fensterputzen, einen anderen, das Parkett zu bohnen. Eine junge Frau, mit der ich zusammen speiste, erzählte mir, sie könnte nur deswegen den Abend unbekümmert mit uns verbringen, weil sie einen Studenten gefunden habe, der ihre beiden Kinder am Abend betreue. Solche Dienste werden mit vierzig Cents die Stunde bezahlt (das heißt einer Mark und siebzig Pfennigen). Die Arbeit wird keineswegs geringgeschätzt, selbst Studenten, die es nicht nötig haben, arbeiten zum Vergnügen und aus Sport. Fast alle Studenten haben in der Ferienzeit eine Beschäftigung. Einer erzählt mir, wie ihm der Monat Freude bereitet habe, den er in New York in einem Warenhaus als Verkäufer verbrachte, ein anderer ist begeistert von seiner Tätigkeit als Hafenarbeiter. Die so gemachte Erfahrung bereichert sie, lehrt sie das Volk kennen. Viele von ihnen betrachten es als entehrend, nach Europa zu fahren und die Überfahrt zu zahlen. Sie lassen sich von einem Schiff anwerben und machen die Reise mi t der Schiffs- 115