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Zum Pflanzensammeln in ihrem Sinn hat das Urweib die Männer und anderen Kinder der eigenen Tribus erzogen; wo es um balsamische Stoffe für Ein reibungen geht, spannt sie feinere Arbeiter ein: die Ameisen. Jenes Dutzend Abarten des Fichtenharzes, von den fast ätherischen Aus schwitzungen der Nadeln an, bis zur dicken Schmierschicht im Stamm, müssen sie ihr gewinnen und verarbeiten, adrett nach Qualität geordnet und mit Ameisen säure leicht versetzt. Den Großen, Schwarzen, es sind die besten Harzkenner, zerstört sie deshalb das Nest bis auf den Grund, legt in die allgemeine Panik hinein zierlich gekreuzte Zweigehen und geht weg. Rasch macht das aufgewühlte Volk dies gottgesandte Ästchenbaldachin zum provisorischen Zentraldepot für sonst zerstreute Vorräte, auch für das Droguendepartement; dann kommt die böse Riesin wieder und hebt es aus. Vielleicht hübe sie die zarte Zauberapotheke zwecklos aus, für Leute, die überhaupt auf nichts mehr reagieren, wozu ein Rest von mystischer Natur verbundenheit gehört, doch solche trifft wohl auch die Flüsterwelle nicht. Es ist ja seltsam in der Medizin: jeder Generation taugen bis zu einem gewissen Grad jeweilige Methoden. Einer entseelten Desorganisierten wahrscheinlich besser anorganische wie Skalpell, Hochfrequenzstrom, Strahl, während Naturvölker wie die Fliegen sterben bei moderner Therapie. Das Gros sind aber immer eine Menge Zwitter zwischen beiden Zeitkreisen. Ganz eigentlich um diese ringen also Urweibweisheit und Männerwissen schaft. Wo der Staat für letztere parteiisch eingreift, ergibt sich nach dem Urteil des hervorragenden Juristen von Liszt eine nicht ungroteske Situation. Das klare Menschenrecht jedes Bürgers, um Rat zu fragen, wen er will, erhaltenen Rat auch zu entlohnen, wenn und wie er will, wird ihm geraubt. Noch dazu in einem Fall, wo es um sein persönlich Wichtigstes, um Leben und Gesundheit für ihn geht, da zwingt ihn zwar die Obrigkeit, sich nur an einen ganz beschränkten Leutekreis zu wenden, lehnt aber unlogischerweise jede eigene Entschädigungs pflicht für die Folgen aus solcher Willkür ab. Eine Frage der Macht natürlich. Wo sie die Frauen haben, wie in Amerika, herrscht volle Heilfreiheit. Vielerwähnte Vordergrundsgründe gegen diese Heilfreiheit gibt es genug. Schwerer wiegt der spärlicher erwähnte Hintergrund: junge Industrien brauchten Zollschutz. Denn Wissenschaft ist ja so jung. Ein junges Geist-Reich der Söhne. Kaum zweitausend Jahre alt. Nicht recht erwachsen noch, doch schon verspannt in eine überlegene Erkenntnisart, und — ohne Ironie sei es gesagt — von einer geistigen Sauberkeit und Strahlkraft, die, einmal ausgereift, Zusammenhänge durchdringen und erfassen wird, wie sie kein Urweib, keine Eimutter und keine Magna Dea trotz aller Patina der Wirkungen im somnambul zurückgewandten Mutterreich sich träumen ließ. Auch dies sei zugegeben: schon heute sind Denkgänge, Wege, Methoden des wissenschaftlichen Adeptentums so kühn, so faszinierend interessant, daß jeder frische, gradgeratene Mensch von ihrer Kenntnis den größten geistigen Gewinn erlangt. Der Krummgeratene bleibt allerdings noch meistens krumm dabei, drum schleppt er seinen Rheumatismus urweibwärts; überlebter Unfug natür lich, hilft aber jedesmal. 107