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die Eltern sich den Schwiegersohn durch die Mitgift zu erkaufen pflegen, mußte in früheren Zeiten der Mann jahrelang arbeiten, bis er sich eine passende Lebens gefährtin als Lohn seiner schweren Mühen erwerben konnte. Erst auf der Stufe des Pflanzenbauers treffen wir Eheverhältnisse, welche der Kameradschaftsehe und damit unsern heutigen Anschauungen sich nähern, wie überhaupt in vielen Punkten die wichtigsten Menschheitsfortschritte auf die Einführung des Acker baues zurückzuführen sind. Erst der Ackerbau lehrte die Menschheit die Arbeit kennen, denn wir können die Tätigkeit des Jägers und des Hirten nicht ver gleichen mit der Arbeit, welche der Landmann zu leisten hat. Die Jagd züchtete nicht nur Mut, Tatkraft, Entschlossenheit, sondern auch Hinterlist, Grausam keit, Tücke und Verstellung. Alle diese Eigenschaften wurden auf der Liebes- jagd ebenso rücksichtslos angewandt wie bei der Tier- und Menschenjagd, und noch heute pflegen unsere Schürzenjäger oder Don Juans dem Grundsätze zu huldigen: Im Kriege, der Menschenjagd, wie in der Liebe sind alle Mittel erlaubt. Der Jäger erwarb sich soviel Frauen, wie er überwältigen und rauben konnte, von denen einige als Luxusweibchen nur seinen Lüsten zu dienen hatten, während die anderen als geplagte Arbeitstiere alle unangenehme Arbeit verrichten mußten. Die Luxusweibchen sahen ihrem Herrn und Gebieter bald alle Tyrannenlaunen und Tyrannenkunststücke ab, und in vielen Fällen wurde der anfängliche Ge bieter das willenlose und geplagte Werkzeug seiner Sklavin. So abwegig uns die beiden Stufen des Geschlechtsverhältnisses erscheinen, bei welchen die Frau entweder Luxusweibchen oder Sklavin sein mußte, so schritt doch die Mensch heit, nachdem sie im Ackerbau Menschlichkeit gelernt hatte, zu einer Synthese dieser beiden Abarten vor, welche in ihrer Vereinigung die Schillersche gute Hausfrau darstellen. Diese ist zugleich Herrin und Dienerin, Luxusweibchen und Arbeitstierchen in einer Mischung, welche für die beschränkten früheren Zeiten ein Ideal darstellten, von dem sie glaubten, daß es niemals übertroffen werden könnte. Erst in jüngster Zeit auf der Stufe der beginnenden Vergeistigung aller mensch lichen Berufe beginnt eine neue Gegensätzlichkeit zur guten Hausfrau in Er scheinung zu treten, die Frauenrechtlerin, von der viele glaubten, daß sie einen Gegensatz zur guten Hausfrau darstellen müßte. So lange die Menschheit der Hottentottenmoral fröhnte, welche besagt, daß nur das eigene Wohl maßgebend sein muß für die Beurteilung einer Handlung, wurde es allgemein bewundert, wenn die Betätigung eines Menschen sich allein auf das Wohl seiner nächsten Angehörigen beschränkte. Kein Wunder, daß diejenigen ein Martyrium durch machen mußten, welche auf ihre Fahne geschrieben hatten: Das Glück von jedermann sei das einzige Ziel für jedermann. Aus einer Synthese der Schiller- schen Guten Hausfrau und der für Menschenrechte und Menschheitsglück kämpfenden Frauenrechtlerin wird erst die Kulturfrau der Zukunft entstehen, welche die drei Eigenschaften des Luxusweibchens, der Mitarbeiterin und der Kämpferin für Menschheitsrechte in sich vereinigt. In genau der gleichen Weise wird nur derjenige Mann dem Ideal der Zukunft näher kommen können, in welchem die Eigenschaften des Jägers, des Hirten und des Bauern in wohl ab gewogenem Gleichgewicht sich vorfinden, so daß ihm für jede Anforderung der Umwelt die entsprechende Charaktereigenschaft zu Gebote steht. 102