wicklung mit einer Stufe der Empfindungsbetonung, in welcher die Geschlechts gefühle die alleinige Führerrolle bei allen Handlungen zu spielen haben. Erst später kombiniert der Mensch immer mehr Tatsachen des Liebeslebens der Menschheit mit seinen Geschlechtsgefühlen und damit mit seinem Liebesieben. Genügt auf der ersten Stufe die Tatsache der Andersgeschlechtlichkeit, so ver langt der vorstellungsbetonte, der materiellere Mensch noch andere greifbare Vorzüge von seinem Liebespartner. Der Mensch wird sich seiner sozialen Ein ordnung bewußt und beginnt nicht mehr allein zu fragen: wie ist der andere? Sondern immer mehr: was ist der andere? und sucht sich die Verwirrung der Gefühle, die für die Verliebtheit charakteristisch ist, zu begründen durch angeb liche und erdichtete Vorzüge des Liebespartners. Wir können Verliebtheit also bezeichnen als hormonal bedingtes Irresein, indem durch Überschuß gewisser von den Keimdrüsen abgesonderter Stoffe (Hormone) ins Blut eine Hemmung der vernünftigen Überlegung im Gehirn ausgeübt wird. Der Verliebte ist einer vernünftigen und gerechten Betrachtung seines Partners und der ganzen Welt nicht fähig, so daß man wohl auch mit Recht definieren kann: Frauenliebe ist eine stets nur zeitweilige und vorübergehende Verkennung der Minderwertigkeit des männlichen Geschlechtes; Männerliebe dagegen ist eine stets zeitweilige und stets ungerechte Betonung von Vorzügen und Unter schieden zwischen Weib und Weib. Im animistischen Stadium der Menschheit ging man von der falschen Idee aus, daß der Grad der Verliebtheit für die Dauer dieses Zustandes maßgebend sei, so daß man die lebenslängliche Einehe am festesten verankert glaubte, wenn man sie auf die intensivste Verliebtheit folgen ließ. Tausendfältige Erfahrung hat inzwischen der Menschheit gezeigt, daß die Intensität der verliebten Verwirrtheit, wie wir es auch von jedem ändern Fieber wissen, umgekehrt proportional zu sein pflegt seiner Heftigkeit, so daß ein weiser Mensch aus der Heftigkeit des Verliebtseins auf die kurze Dauer der Liebe mit größerem Recht wird schließen können, als auf eine ewige Dauer dieses Zu standes, der biologisch weder wünschenswert noch möglich erscheint. Es ist kein Wunder, daß in unseren Tagen die Eheprobleme den wichtigsten Raum im Sinnenleben der Gebildeten einnehmen, da ja fast die gesamte wirtschaftliche und berufliche Einordnung der Menschen von seiner Einstellung zu den Ehe problemen maßgeblich beeinflußt zu werden pflegt. Ehezerwürfnis und Liebes- unglück stellen mit das größte Kontingent für die immer zunehmende Zahl der Selbstmorde in den Großstädten. Dieser unerfreuliche Zustand wird erst ein Ende nehmen, wenn das Liebesieben der Menschen auf vergeistigte Stufe wird gehoben werden können. Der Kampf zwischen Geist und Seele, den Klages so eindringlich beschreibt, ist das verzweifelte Wehren der Menschheit gegen Alt- und Verständigwerden. Die meisten möchten Heber für immer und ewig unvernünftige VerUebte bleiben dürfen, weil das mit momentan schönen Gefühlen verknüpft ist und die weit schöneren Gefühle der erfüllten Geistigkeit für die meisten Menschen völfig unbekannte Regionen sind. Es wird einer großen Arbeit bedürfen, bis für jeder mann auf der ganzen Erde die geistigen Güter in solcher Menge zur Verfügung stehen werden, daß seine Lebenszeit ausgefüUt erscheint mit geistigen Genüssen statt mit den vorübergehenden Räuschen des Geschlechtslebens, die noch in 3 99