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die höchsten Lebensstufen hinein erhalten geblieben war, so daß nicht einmsi alle 80jährigen Greise als mit Sicherheit zeugungsunfähig anzusprechen sind. Bei den Frauen glaubte man früher an ein naturgegebenes völliges Ausschalten jedes Liebeslebens mit dem Erlöschen der Menstruation, welche in der Regel im fünften Lebensjahrzehnt einzutreten pflegt. Bekannt ist, daß Frauen, die niemals eine Menstruation gehabt haben, gesunde Kinder geboren haben,’ und wenn von 90jährigen Frauen berichtet wird, daß ausnahmsweise noch Gebär fähigkeit festgestellt gewesen sein sollte, brauchen wir dies nicht unbedingt für ein Märchen zu halten, da die Dauer des Keimdrüsenlebens im einzelnen Menschen in allerhöchstem Maße von den Umweltseinflüssen, d. h. den Erlebnissen, ab hängig ist. Galten früher die Frauen als das vorzeitig alternde Geschlecht, so steht zu vermuten, daß in Kürze diese Meinung in ihr Gegenteil Umschlägen wird. Die Frau stellt dem Manne gegenüber den kindlicheren, jugendlicheren Typus dar, der Mann dagegen den gealterten greisenhafteren. Es sieht also so aus, als ob die Keimdrüsen des Weibes einen jung erhaltenden, hemmenden Ein fluß auf die Altersentwicklung ausüben. Dies folgt ja wohl auch daraus, daß bei Entfernung der Keimdrüsen ein rasches Vergreisen und damit Männlicherwerden der Frauen eintritt in geistiger wie in körperlicher Beziehung. Für das Liebes ieben der Menschheit ist es wahrscheinlich, daß unsere Ansichten über natur gegebene Unterschiede im männlichen und weiblichen Liebesieben einer gründ lichen Revision unterzogen werden müssen, die vielleicht zu einer Umkehr der bisherigen Anschauung führt. Das Liebesieben des Menschen macht drei Stufen durch, welche den vorhin genannten Stufen seiner Einzelentwicklung entsprechen. Wir können auch beim Liebesieben des Menschen unterscheiden: Eine Epoche der unbewußten Hand- lungen, wie sie für alle höheren Tierarten mit Einschluß der Affen charakteristisch sind. Über diese Tierstufen hinaus kommt beim Menschen dann die vorstellungs betonte Epoche, in welche er erst nach Schaffung einer Sprache eintreten konnte. Wir können diese Epoche auch als die beseelte Epoche des Liebes lebens bezeichnen, bei welcher alle Gefühle und Handlungen gestellt werden unter die Herrschaft von Seelenvorstellungen. Der Mensch, dessen eigene Er lebniswelt doch nur von seiner eigenen Seele wissen kann, da seine eigenen Empfindungen seine einzige Realität darstellen und seine sämtlichen Vor stellungen sich aus diesen seinen Empfindungen aufbauen müssen, verteilt frei gebig Seelen an die Außenwelt, indem er ursprünglich alles als beseelt betrachtet, um später die Seelen nur noch an andere Lebewesen zu verteilen. Der begriffs betonte gereifte Mensch hat immer noch Reste dieser animistischen Anschauung in sich und sorgt für eine reiche Bevölkerung seiner ganzen Umgebung, nicht nur mit beseelten Lebewesen, sondern darüber hinaus noch mit beseelten Geistern, welche verpersönlichte Begriffe darstellen. Erst ganz allmählich beginnt die Menschheit sich von dem Geisteraberglauben zu befreien, aber noch lange nicht sind alle Menschen vom Geisteraberglauben frei, welche über Aberglauben zu spotten pflegen. Jeder Mensch ist abergläubisch, der etwas Begriffliches unter einer beseelten Persönlichkeit sich vorzustellen pflegt, in der Verkennung der Tatsache, daß Begriffe nicht vorgestellt werden können. Das Liebesieben der Menschen beginnt, wie schon gesagt, in unerkennbar frühen Epochen der Ent- 98