hück nit, küß do morgen“, das heißt: „Kommst du heut nicht, kommst du morgen“, ist nicht umsonst eine allgemein übliche Redensart am Rhein. „Nirgendwo hab’ ich faulere Hausdiener und Gepäckträger angetroffen als an den Ufern des Rheins“ vermerkt schon der freilich leicht gereizte Schriftsteller Gutzkow auf einer Reise zwischen Mainz und Bonn, die er in den vierziger Jahren unternahm. Auch die Gasthöfe haben unter dieser Gelassenheit und dem Stehenbleiben ihrer Besitzer zu leiden gehabt, so daß man da und dort an diesem Strom noch heute nur so notdürftig und kümmerlich wie in den Abruzzen, dabei aber kostspieliger als an der Riviera, übernachten wird. Die Gemütlichkeit geht dem Durchschnittsrheinländer immer über alles. Darum läßt er sich lieber Musik in jeder Form vordudeln, als daß er sich von der Bühne herab ernsthaft anpacken ließe oder mit den schweren Fragen der Gegen wart auseinandersetzte. Auch hängt er sehr an den leiblichen Genüssen dieses Lebens, am Essen und Trinken, obwohl es ihm auch hierbei in der Regel mehr auf die Menge dessen, was er verzehrt, als auf die besondere Güte und Feinheit an kommt. Schlemmerwinkel gibt es außer in Köln und Bonn nur wenige am Rhein. Und es ist bezeichnend, daß hier eine be kannte frühere Volksgestalt den Beinamen „Freßklötsch“ trug. Das war ein nieder rheinischer Gargantua, der ziemlich wahllos Unmengen von Eßwaren tagtäglich in sich hineinbeförderte. Einmal im Jahr pflegt auch der ernsteste Rheinländer auszuschlagen: das ist zur Karne valszeit, zu „Fastelovend“, wie man am Rhein sagt, wo sich das Wort „Fasching“ niemals recht einbürgern wird. In diesen Wochen und Tagen tollt es den Rhein hin auf und hinunter. Von Mainz bis Düsseldorf und Emmerich. Man hat schon viel gegen die Fastnachtfeierei geschrieben. Und alljährlich entspinnen sich in den verschiedenen Stadtparlamenten zu Köln wie zu Düsseldorf lebhafte Aus einandersetzungen, ob man wieder Geld für den Rosenmontagszug aus werfen soll oder nicht: Auseinandersetzungen, die hier mindestens so ernst haft genommen werden wie die großen Händel dieser Welt. Niemals wird man den Karneval am Rhein ganz ausrotten können. Und sobald der Krieg mit seinen Schrecken vorüber war, begann man wieder hier um die Faschingszeit die Narrenkappe zu schwingen. Zugegeben, daß dieser bunte Betrieb mit seinen ständigen Karnevalssitzungen, die bereits an jedem Elften im Elften eines jeden Jahres beginnen, manches zur Verflachung der Leute beiträgt. Aber das Volksleben wird dadurch auch wiederum gefördert und in Bewegung gebracht. Es heißt, daß die Gefühlsseligkeit am Rhein besonders gedeihe, und daß es nirgendwo anders mehr Schleimbeutel — das Dolbin, Herbert Eulenberg 94