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„Es war wirklich“ •— so versicherte mir Kainz, dem ich diese Szene nacherzähle ■— „keine Laune von mir, keine Unbotmäßigkeit, aber ich konnte tatsächlich nicht weiter. Ich war erschöpft, meine Nerven revoltierten, und dazu der Qualm der Fackeln — nein, nein, es ging nicht! Am nächsten Morgen schrieb ich dem König, in dessen Gefolgschaft ich in Luzern im Schweizerhof gewohnt hatte, einen Abschiedsbrief. . Kainz fügte hinzu, er habe nachträglich bedauert, daß er sich nicht hatte beherrschen können und, über reizt und abgespannt, vergessen habe, daß er nicht einem normalen Menschen gegenübergestanden. Der wahre Grund der Entfremdung, die zum völligen Stillstand der Beziehungen des unberechen baren Königs zu Kainz führte, war jedoch — was an dieser Stelle authentisch zum erstenmal mitgeteilt sei — ein ganz anderer. Der König beschloß, einen alten Rudolf Großmann: Ba SS =rmann Lakaien wegen eines geringfügigen Versehens (er sollte Kainz ein Kunstgeschenk bringen und hatte es verlegt) durch Versetzung an einen abgelegenen Ort zu bestrafen, an welchem er mit seiner Familie den Rest seines Lebens verbringen sollte; als er Kainz von diesem Entschluß Kenntnis gab, glitt diesem das Wort von der Zunge: „Majestät, das wäre unköniglich!“ Dieses eine Wörtchen zerriß das Bündnis zwischen Ludwig II. und Kainz I. * Ein anderes Gesprächsthema. Ich war begierig, die Einstellung dieses großen Schauspielers zur Beherrschung der Bühne kennenzulernen, und zu erforschen, ob nach Kainzens Ansicht der Schauspieler über der Rolle stehen müsse oder nicht. Äußere Beherrschung war ja selbstverständlich — er kannte nicht die Seekrankheit auf dem offenen Meere des Theaters: das Lampenfieber. Ja, er machte sich lustig über die Wolter, über Sonnenthal und Lewinsky, die zwei bis drei Stunden vor Beginn der Vorstellung ins Theater schlichen, um die Hem mungen zu überwinden und ihre Rollen noch ein paarmal durchzunehmen. Er begriff auch nicht recht, wie ein Künstler, und er exemplifizierte da ganz besonders Sonnenthal, den er über alles verehrte, sich in hundert Masken hundertmal ver ändern, das heißt nicht allein in den Geist der Rolle, sondern auch in die Gestalt eindringen, sich mit ihr amalgamieren konnte. „Der Teufel auch“, rief er aus, „ich bin doch gewiß kein Routinier, aber ich wäre schon längst ausgeschifft, wenn ich nicht über der Rolle stehen würde. Physisch wäre ich gewiß zugrunde gerichtet, wollte ich mich heute mit dem König Alfons, morgen mit Mephisto, dann mit Fritzchen oder dem armen Heinrich identifizieren! Lampenfieber — Schreck gespenst für Anfänger! Ich bin imstande, mitten in einer großen Tirade, die ich loszuschmettern habe, mir Gedanken darüber zu machen, daß so und so viele Sitze unbesetzt sind, und mir die Frage vorzulegen, ob ich nicht am Ende demnächst mit meinem Gastspielhonorar werde etwas heruntergehen müssen . . .“ 791