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Ich hatte eine Zeitlang den Einfall gehabt, echtes Geflügel und russische Kaninchen zu züchten. Wer glaubte nach allem nicht, daß die Hühnerzucht etwas einbrächte? Als ich von einer Reise nach Hause zurückkehrte, mußte ich zu meiner unan genehmen Überraschung die Ställe leer wiederfinden. Gemeine Hühnerdiebe hatten mein Geflügel weggefangen. Zufällig fand ich es bei einem alten räuberi schen Kolonisten, einem wenig ehrenwerten Mann. Ich schlug Krach, um so mehr, als er sich heftig und mit einer entwaffnenden Sicherheit zur Wehr setzte. Ich drohte, ihn zu verklagen, falls er nicht gestände, und erschreckte ihn damit, daß ich ihm die Ringe an den Beinen der Hühner zeigte. Der Mann konnte jetzt nicht mehr leugnen und mußte die Tat zugeben, aber er entschuldigte sich mit einer geistreichen Bemerkung, die mir freilich nicht gefiel. Ja, zu meinem großen Erstaunen machte er seinerseits mir Vorwürfe: „Ihre Hühner waren schlecht gefüttert! Es ist eine Schande, so kostbare Tiere Hungers sterben zu lassen. Wenn man Vieh nicht zu halten versteht, überläßt man damit die Sorge anderen!“ Wie ich heute begreife, hatte er meine Hühner „kolonisiert“. * Ein, zwei, drei Jahre gehen hin, noch immer ist Krieg und keine Änderung zu sehen. Jeden Abend löst die Nachtschicht die Tagschicht ab, die Maschinen stehen niemals still. Noch ein Jahr! Das Ende naht, man fühlt es. Morgen ist Waffen stillstand ! In der Kleiderkammer ziehe ich die blauen Hosen an und hoffe, daß es das letzte Mal ist. Eine ungeheure Freude ergreift mich. Mein Gott, sollte es endlich möglich sein! Ich juble: „Aus, der Krieg ist aus!“ Neben mir befindet sich ein alter Mann. Er ordnet in seinem Schrank ver brauchte, ölbefleckte Sachen. Er ist Tagelöhner, Auskehrer, Transportkutscher und verdient seit Beginn der Feindseligkeiten täglich fünfundzwanzig Franken. In seinem jämmerlichen Dasein vor dem Kriege hingegen hatte er nur drei Franken bekommen. „Aus, der Krieg ist aus!“ schrie ich von neuem. Der gute Mann machte ein Gesicht, als könne er meine Freude absolut nicht verstehen. Für ihn fangen einfach die Sorgen wieder an. „Ja, schon wahr, diesmal ist Schluß, du hast ganz recht. Klar, du bist gut daran . . . Aber was soll unsereiner nachher machen?“ Als die Nachricht von der Unterzeichnung des Waffenstillstandes bekannt wurde, ergriff die Welt ein Freudentaumel. Man konnte sich nicht vorstellen, daß der Tod der ungeheuren tagtäglichen Opfer satt wäre. Von Friedenstrunkenheit besessen, stimmte Marthe Chenal auf den Stufen der Oper die Marseillaise an. Die Verwundeten und Urlauber konnten nicht glauben, daß sie diesesmal be gnadigt wären und für immer zu Hause bleiben durften. Es war Friede! Die heimkehrenden Sieger rechneten auf wohlverdiente Ruhe, Entschädigung auf Kosten der Besiegten und ihren Beuteanteil. Von den Milliarden der Boches hoffte der eine sich ein kleines Haus oder eine Kuh kaufen, der andere einen kleinen Handel anfangen zu können. Die Frauen sahen sich schon in Samt und Seide. Man würde alles haben und reich und glücklich sein! Wozu sollte sonst der Krieg gut gewesen sein, als dazu, die Lebenshaltung des Siegervolkes zu verbessern ? 784