Volltext Seite (XML)
„Erstmal, woher kommt denn Mahler? Noch gar nicht lange her, daß er im Lande ist . . „Mahler ist kein französischer Name.“ „Vielleicht ist der von den Boches gut bezahlt, um solche Dinge zu sagen!“ „Der ist Anarchist! Ein dreckiger Bursch! Um so was zu sagen, was der sagt, muß man schon ein Boche sein oder ein Schmutzfink! . . . Jaa, ein Schwein!“ % Er war Lehrer in der Umgegend von Rouen und Feldwebel in der Etappen kompagnie. Die Mannschaften waren zum Bahnhof und luden Lebensmittel und Munition aus, und wir beide in der Schreibstube allein. Im Kamin brannte ein Holzfeuer, draußen schneite es. „Sprechen Sie nicht so“, sagte er zu mir, „ich meinesteils liebe Frankreich, ich liebe mein Vaterland. Sie wollen doch wohl nicht behaupten, daß wir diesen Krieg gewollt haben? Ich bin seit dem ersten Tag mit dabei und bedaure es nicht. Ich habe mein Leben eingesetzt.“ Infolge einer leichten Verwundung auf dem Rückzug von Maubeuge war er in die Etappe gekommen und Kompagniefeldwebel geworden. Kurz nach diesem kleinen Ausfall erzählte er mir, in welcher seelischen Ver fassung er am Tage der Kriegserklärung gewesen wäre. „Ich hatte soeben meine Frau verloren und hing an nichts mehr. Verschiedene Male hatte ich ein Ende machen wollen. Unser Kind war uns schon vorher ge storben, und so zog ich mit der Hoffnung auf den Tod in den Krieg.“ Er jetzt allabendlich in die Stadt. Bei Freunden hatte er ein junges Mäd chen kennengelernt. Das Leben gewann ihn zurück. Er war fröhlich und voller Ungeduld bis es fünf Uhr schlug. Er teilte mir mit, daß er sich wieder verheiraten würde Und sprach durchaus nicht mehr davon, an die Front zurück zu wollen. * Während der ersten Kriegsmonate traf ich sie auf der Straße. Sie arbeitete in einer Fabrik. Blond war sie, zurückhaltend und hübsch. Ich sah sie des öfteren. Abends gingen wir abseits unter den Bäumen der Place de Bon-Secours spazieren. Wir saßen zusammen auf einer Bank, und ich begehrte sie. Sie leistete sanften Widerstand, der immer schwächer wurde. Ich fühlte, sie zitterte. „Nein , sagte sie, „es wäre so schlecht. Er ist verwundet und gefangen, es wäre schlecht . . .“ Aus einer kleinen Tasche nahm sie Briefe und zeigte sie mir. „Wenn du sie läsest, würdest du einsehen, wie schlecht es ist, was wir tun. Er vertraut mir und ist verwundet.“ Sie faßte sich, erhob sich und bestieg an der Haltestelle flink die Trambahn. Ich hörte den Wagenführer klingeln, sie winkte mir noch einmal zu und fuhr davon . . . Es war am 15. Oktober 1914. * Bei allen Feierlichkeiten, den Llochzeiten, Festen und Banketten ist der Foto graf dabei. Die nicht alltäglichen Ereignisse sind fast immer von einem Foto grafen, der sich wie zufällig eingefunden hat, genauestens festgehalten. Das ovale 779