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Vorstellung hat nur noch den Vater, die Mutter ist in der „Dovenanstalt“, der Bruder in der Fürsorge — er hat Kat 2 en lebend gekocht. Aber ein Vierzehnjähri ger ist mit dem Programm der Kindervorstellung unzufrieden, er will „Die tolle Lola“ sehen und schnalzt mit der Zunge, worauf ein noch kleinerer Knirps meint: „Du mußt ja als Kind scheußlich gewesen sind.“ Es hat sich in der Rostocker Straße eingebürgert, daß die mehr oder weniger halbwüchsige Jugend unter der Bogenlampe meines Kinos Stelldichein sich gibt, auch wenn man nicht gerade die Absicht hat hineinzugehen. Da erzählen sie mir dann so allerhand, geprügelt wird zwischendurch auch mal ein bißchen. Neulich hat es fast eine kleine Köpenickiade gegeben, als in meiner Abwesenheit ein offen bar Angetrunkener sich den das Geschäft versehenden Leuten als „Bürgermeister von Moabit“ vorstellte — man denke, ausgerechnet bei mir! Aber mein Türhüter — die „Silberpappel“ nennen ihn die Jungs — hat den Witz verhindert, was ich fast bedaure um des Witzes willen. Ja, ich steh mich gut mit den „Rostockern“, und als es eines Abends in der Beußelstraße bei der Konkurrenz brennt, bringt man mir die Nachricht mit Freudengeschrei und dem Flinzufügen, daß „man bloß zwei Olsche flüchten mußten“, nämlich weil nicht mehr drin gewesen seien. Also persönliche Sympathie bringt man mir unter den „Rostocker Linden“ wohl ent gegen, und es ist sicher keine Geringschätzung meines Etablissements, wenn eine Frau 50 Pfennig hinlegt und erklärt, mehr bezahle sie nun und nimmer. Ach, es macht Spaß mit den „Rostockern“, die jeden Tag für neue Aufregung und Ab wechslung sorgen. So wurden mir neulich kurz vor der Aufführung die beiden wertvollen Kopien der Großfilme „Die letzten Tage von St. Petersburg“ von Eisenstein und „Das Kind des anderen“ geklaut. Das sind so Kleinigkeiten, die einen nicht aus der Ruhe bringen dürfen. Von den Besuchern aus anderen Bezirken sind mir die liebsten die, die mich nicht antrafen — da bleibt meiner Phantasie Spielraum zu erraten, was sie wohl von mir wollten oder was sie zu der Reise in die Rostocker Straße sonst bewogen haben mag. Der „blinde Passagier“ der Bremen ist eines Abends dagewesen, mit seinem Patriarchenbart, seiner Kinderstimme und einem Paket Zeitungen und Photos von sich. Was er eigentlich gewollt hat, ist nicht herauszukriegen ge wesen. Vielleicht wollt er mit mir einen Verein der „blinden Passagiere aus Über zeugung“ gründen, denn Vereine müssen doch gegründet werden. Dann rückte eines Abends — ich kann nicht jeden Abend da sein, und die gütige Vorsehung verhindert mich immer am richtigen Tag ■— die schon oben geschilderte ehr geizige Journalistin an mit einer leibhaften Prinzessin von H. zu O., die übrigens eine charmante junge Dame sein soll, wahrscheinlich, um mich da ohne Dressur vorzuführen. Prinzessinnen habe ich mich seinerzeit selbst, aber mit Dressur, vor geführt, diese kommt zu spät. Ich will keine Sehenswürdigkeit mehr sein. Ja, und dann kamen natürlich auch Leute, die mich nun wieder einen reichen Mann glauben—als Kinobesitzer. Mein Gott, selbst ein sehr gut gehendes Kino ist in den heißen Sommerwochen wohl nicht zu füllen, und die Lasten eines solchen Unternehmens, niemand scheint an so was zu denken. Ich selbst denke gar nicht gern daran, sondern ich freue mich lieber des anderen „Erfolges“. Mit der be ginnenden „Saison“ wird auch der andere kommen. 772