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„Erlaubnis“ hat heute noch diesen merkwürdigen Klang, dies Innenleben. Na ja gut, aber zugleich ist an der Mauer ein Faulbaum, wer klettern kann und ge schickt ist, kommt vom Faulbaum auf die Mauer, von dort ins Haselgestrüpp, und er ist frei. Die große Tanne, auf die man klettern kann, steht freilich im Garten, doch bin ich oben, überseh’ ich die Weite, bin wie ein Vogel. Daneben ist ein Graben, fast vier Meter breit, auch eine Grenze, mit Stabweitsprung kom men drei von uns hinüber, doch, als der Stab brach, bin ich hineingefallen und mußte mich und meine schlammigen Kleider unbesehen ins Haus befördern, schwierige Sache. Im Dorf gibt es Bonbons zu kaufen und Kuchen, im Dorf werden heimlich Briefe eingesteckt, die nicht zensiert werden sollen, freilich muß der geschickt sein, der dorthin auskratzt. Ja, und dann machen wir doch jeden Tag einen Spa ziergang, da ist viel zu erreichen. Man kann „anführen“ und tolle, wilde, weite Wege machen, so schnell, daß die ändern nicht folgen können. Auskneifen, wenn hinten am Bums die Dame geht, wir alle voran zu zweien, ist der schönste Sport. Das Unterholz ist dick genug, uns zu bergen, noch sicherer ist die Köhlerhütte, die Sache soll sich aber lohnen. Der Rückweg soll schön sein, sei es, daß man sich heimlich wieder anschließt oder allein ins Stift zurückschleicht. Gefahr muß dabei sein, Rausschmiß muß man riskieren, zumindest einen Tadel. Wenn ich verborgen im Wald liege, laure, daß die ändern Vorbeigehen, mich nicht sehen, mich vergessen, als kleine graublaue Schlange am Weg dann hinten verschwin den, da ist mir, als hätt’ ich die Welt erobert, gehört sie nicht mir? Wir machen solch’ Ausbruch zu zweien, zu dreien, zuviel sind nicht beweglich, können sich nicht bei Sichtung eines Feindes ins Gras werfen, platt, daß niemand einen sieht. Wilder und ernster sind schon die anderen Revolten, die geistigen. Sind wir nicht alles brave Landkinder, gutes Material, deutsch und fromm? Sind unsere Eltern nicht kaisertreu, haben wir nicht Tradition? Der Zeitgeist ist stärker, der sickert durch. Da mögen die Mauern noch so dick sein, Bücher und Briefe mag man uns zensieren, das geht auf geheimen Wegen, unwahrscheinlich, doch un aufhaltsam. In solch’ zusammengeballtem Häuflein werdender Energien und Intelligenzen freilich genügt ein Wort, ein Satz von draußen, der wirkt wie ein Funke, wird zur Flamme. Wißt ihr denn nicht, daß der Kaiser längst hätte ab danken sollen? Der Kaiser übrigens hat Ähnlichkeit mit Frau Äbtissin, beide pathologisch. Sie müßte auch abdanken. Ist draußen nicht Revolution? Warum also sollen wir Knickse machen vor allen Damen. Eventuell, als Konzession, vor Frau Äbtissin, vor den Damen ab heute nicht mehr. Nun, und die hohen Kragen an der Tracht haben uns lange schon gestört, weg damit. Die eingenähten Falten an den Blusen sind auch beengend, sind wir doch aufgeschwemmt, bißchen dick, 1919 kennt man noch nicht viel Sport; man mag mich bestrafen, wie man will, die Näherin mag jeden Tag die Falten wieder einnähen, ich trenne sie doch auf. Ja, und natürlich stammen wir vom Affen ab, ist doch ganz klar. Unser Stück Seele freilich, an das wir stets glauben, ist zugewandert, eingehaucht, Wunder. Außerdem lache ich, lache ich, wenn Sie vom Teufel sprechen, Frau Äbtissin. Und warum soll der Expressionismus nicht schön sein, nicht recht haben? Marcs Turm der blauen Pferde ist so tollblau. Von heute ab suchen wir leuchtende Farben, leuchtende Kleckse machen wir beim Malen. Wir binden Bücher ein, und 766