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er derart, daß seine Ohren grau wurden. Seine Hände gestikulierten nicht im Rhythmus der Gedichte, und das war richtig. Dieser Rhythmus war nicht zu fassen. Die Schwere dieser bleiernen Worte war launenhaft wechselnd. Es schien, als schleuderte er die Worte, eines unter seine Füße, ein anderes weit weg, ein drittes in ein ihm verhaßtes Gesicht. Und überhaupt, das Ganze: die heisere, zerrissene Stimme, die unsicheren Gesten, der schwankende Körper, die schmerzvoll brennenden Augen, alles war so, wie es die Situation, das Milieu, in dem sich der Dichter augenblicklich befand, erforderten. Ganz wundervoll las er in dreimaliger Wiederholung die Frage Pugatschows: „Sind Sie irrsinnig?“, erst laut und zornig, dann leise, aber noch leidenschaftlicher: „Sind Sie irrsinnig?“, und endlich ganz verloren, nach Atem ringend und verzweifelt: „Sind Sie von Sinnen? Wer hat Ihnen gesagt, daß wir verloren sind?“ Unbeschreiblich gut klang die Frage: „Bricht man unter einer Seele wirklich wie unter einem Messer zusammen?“ Und nach einer kurzen Pause, seufzend, hoffnungslos und in verzeihendem Tone: „Meine Freunde . . . Ihr Teuren . . Es hatte mich erregt, daß ich einen Krampf in der Kehle hatte und hätte schluchzen können. Und ich erinnere mich, daß ich keine Worte zu seinem Lobe fand. Aber ich glaube, er brauchte sie auch nicht. Dann bat ich ihn, von dem Hund vorzutragen, dem man seine sieben Jungen weggenommen und in den Fluß geworfen hatte: „Wenn Sie noch nicht müde sind?“ „Ich werde nicht müde, Gedichte zu sprechen,“ sagte er, fragte aber unsicher: „Gefällt Ihnen denn das von dem Hund?“ Ich sagte ihm, daß nach meiner Ansicht er als erster in der russischen Literatur in so echter Liebe von Tieren geschrieben habe. „Ja, ich liebe alle Tiere sehr,“ sagte Jessenin nachdenklich und leise, und auf meine Frage, ob er „Das Paradies der Tiere“ von Claudel kenne, ant wortete er nicht, nahm seinen Kopf in beide Hände und begann das Lied vom Hunde vorzutragen. Und als er die letzten Zeilen sprach: Es rollten die Augen des Hundes Wie goldene Sterne im Schnee, schimmerten auch in seinen Augen Tränen. Nach diesem Gedicht dachte man unwillkürlich, daß Sergej Jessenin nicht so sehr Mensch, als ein von der Natur ausschließlich für die Lyrik geschaffenes Organ zum Ausdruck der unergründlichen „Trauer der Landschaft“, der Liebe zu allem Lebendigen in der Welt, des Erbarmens, das mehr als alles andere der Mensch verdient, sei. Und noch fühlbarer wurde die Ueberflüssigkeit Kussikows mit seiner Gitarre, der Duncan mit ihrem Tanz, der Existenz langweiliger Städte, die Ueber flüssigkeit alles dessen, was diesen eigenartig begabten und vollkommenen russischen Dichter umgab. Und Jessenin schien von einer bebenden Schwermut erfüllt. Er liebkoste die Duncan, wie er wahrscheinlich die Rjasaner geliebkost hatte, indem er ihr auf den Rücken klatschte, und schlug vor, auszugehen. „Irgendwohin, wo es laut ist,“ sagte er. Es wurde also beschlossen, abends in den Lunapark zu