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Chinesen, Malaien, Russen. Es gab gute Erbssuppe und dann im Schlafraum eine wilde Hauerei und ein Kauderwelsch dazu, wie ich es noch nie in meinem Leben gehört habe: Jeder wollte das obere Bett haben. Die ersten drei Nächte habe ich überhaupt nicht geschlafen, schon weil es zu hart war und weil man zweimal versuchte, mir die Schuhe zu stehlen. Ich hatte es jedoch gemerkt und beim zweitenmal dem Kadetten so auf die Rübe geklopft, daß er genug hatte. Oft kommt es im „Pik-As“ vor, daß einer am Morgen barfuß zum Tor hinausgewandert ist, der mit feinen Trittchen an den Füßen gekommen war, oder ohne Mütze, ohne Mantel, sogar ohne Papiere. Am Morgen wurde nach dem Kaffee die erste beste Kaschemme besucht, wo man trocken sitzen darf, das heißt ohne etwas zu verzehren, und so um neun geht’s dann los in die Stadt zum Betteln. Unterdessen war ich auch etwas bekannter geworden und verkehrte in einer Kaschemme in der Finkenstraße, auch ein inter nationales Lokal. Als ich hineinkam, wollte man mir gleich an den Kragen, habe mir aber sofort Respekt zu verschaffen gewußt. Es ging kein Tag ohne Schlägerei dahin, und ich durfte bei keiner fehlen. Ich trug da mals einen roten Knoten um den Hals, hieß der Apachenfred und hatte fast immer Glück. In der Kaschemme konnte man auch schlafen; es kostete 15 Pfennig, dafür durfte man auf dem nackten Boden liegen, konnte sich aber beim Wirt für weitere 5 Pfennig einen Packen Zeitungen als Unterlage aus- leihen. Jeder hatte seinen bestimmten Platz, und wehe dem, der dieses Recht einmal angetastet hätte. Fuß tritte waren das wenigste. Wenn alles schlief, soweit man wegen der Wanzen von Schlafen reden konnte, waren die Fledderer an der Arbeit und räumten die Taschen aus. Alles, was ihnen nur irgendwie wert er schien, nahmen sie mit und machten es am Morgen in der Kleinen Freiheit zu Geld. Auch die paar erbettel ten Pfennige stahl man sich hier untereinander. Groß war das Gezeter an jedem Morgen, aber nur ein ironisches Lächeln war die Antwort, denn die Fledderer hielten zusammen und verrieten sich nicht. Morgens 5 Uhr wird die Kaschemme geöffnet, und dann strömen die herein, die es vorziehen, nachts zu türmen, das heißt spazierenzugehen, teils aus Reinlichkeitsgründen, teils aus Geschäftsrücksichten. Wer im Freien schläft, läuft aber immer Gefahr, ohne Mantel und Mütze zu erwachen, von anderen Verlusten ganz abgesehen. Einem Amerikaner haben die Fledderer aus unserer Kaschemme einmal, als er in einem Torweg besoffen eingeschlafen war, die goldene Uhr gezogen. Am anderen Tag las man dann in der Zeitung, daß der Mann auch noch 4000 Dollar in der Tasche gehabt habe. Die hatten ihm die Paul Weiskopf 87