Man gab mir einen Brief zu lesen, und während ich die Zeilen durchflog, wurde das Licht eingeschaltet, der Kameramann kurbelte. Kurzerhand: ich wurde gedreht. Dann kam der Schauspieler Alberti auf mich zu, schrie mich an, beschimpfte mich. Dieser kleine Zwischenfall war nötig, damit Fritz Lang meine Ausdrucksfähigkeit prüfen konnte. So wurde ich entdeckt. Die Probeaufnahme gefiel, und man hat mich für die Doppelrolle des Metropolis-Films engagiert. (Aus dem Programmheft des Metropolis-Film.) Das Scalamädchen. Sie ist die erste und letzte Darstellerin der „Scala“. Sie heißt Ilse May und hat nichts mit Joe und Mia May zu tun; denn in ihrer Produktion ist kein Filmkrampf und kein Kin toppschwindel. Ihr Vater war Artist, und ihre Mama hat auch einen liebenswürdi gen Posten in der Scala, gleich vorne links bei dem Ausgang für Fauteuils. Täglich schwebt Ilse zwölf mal mit ihrer Nummern tafel über die breite Bühne und lächelt verheißungsvoll. Am Sonntag hat sie sogar 24mal zu lächeln und zu schweben. Sie pflegt ihr blaues Pagenkostüm selbst und mit viel Eifersucht. Vor läufig gibt es noch keine Nebenbuhlerin für die stumme Bergner der „Scala“. (Ich glaube, Ilse May ist mit Recht viel populärer!) Ilse May hat eine eigene Solistengarderobe, mit Wid mungsbildern aller großen Artisten dekoriert, aber nur mit Männern. Die einzige Frau ist Barbette. Die Artisten schreiben Ilse May wahre Hul digungen auf das Photo, denn ihr Lächeln macht die Stimmung für die Nummer. Was nützt der schönste Doppelsalto, wenn Ilse nicht vorher ver heißungsvoll gelächelt hat? Ilse hat noch nie ein saures Gesicht gezogen, denn sie ist eine Künstlerin des Lächelns und der Grazie. Draco. Photo Curt Meyer, Berlin 146