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Nr. 1/2 Das Neue Rußland Seite 49 Literatur über die deutsche Wolgakolonie Es gibt eine ganze Reihe von Darstellungen der Geschichte der deutschen Wolgakolonie, aber sie beziehen sich meist nur auf Spezialgebiete. Eine zusaminenfassende Darstellung hat eigentlich zuerst Dr. Gerhard Bonwetsch im Jahre 1919 gegeben: Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga.“ (Verlag von J. Engelhorns Nachf.) Bonwetsch stammt selbst aus einer deutschen Kolonistenfamilie, sein Vater war der kürzlich verstorbene ordentliche Pro fessor in Göttingen. Die Geschichte der Kolonien wird in Bonwetschs Buch seit ihrem Entstehen verfolgt und schließt mit dem Beginn des imperialistischen Krieges ab. Ein Literaturverzeichnis gewährt einen Überblick über die reiche Literatur. Im Vorwort spricht sich Bon wetsch sehr besorgt über die Zukunft der Wolga deutschen aus; es wurde 1918 geschrieben, und Bonwetsch konnte noch nicht wissen, welche vor wärtsstrebende Entwicklung die deutsche Wolga republik im Sowjetstaate nehmen würde. So korrigiert unser Doppelheft das Vorwort Bonwetschs und setzt zugleich seine Darstellung in neuzeitlichem Sinne fort. Georg Försters Wolgareise Mit der Entstehungsgeschichte der deutschen V olga- kolonien ist der Name eines bedeutenden deutschen bürgerlichen Revolutionärs und Weltreisenden — Georg Förster (1754 — 1794) — verbunden. Es ist jener Förster, der als einziger deutscher Klassiker aktiv in den Reihen der französischen Revolution gekämpft hat. Er konnte als Zwölfjähriger im Jahre 1765 seinen \ ater in die \\ olgakolonien begleiten, der von der russischen Regierung den Auftrag erhalten hatte. „Boden, Lage, Bedürfnisse, Beschwerden, die sehr zahlreich waren“, zu untersuchen. Förster, der Natur forscher Johann Reinhold, Begleiter Cooks auf seiner zweiten Weltumsegelung, kam bis Saratow und zum See Elton, er verfaßte eine Denkschrift über die Re sultate seiner Untersuchungen und forderte für die Kolonisten ein eigenes Gesetzbuch. Aber mit dieser Schrift mißfiel er dem Hof in Petersburg, denn nun erfuhr Katharina II. von der Not der jungen Kolonie: der Gouverneur von Saratow, ein „bösartiger, tvran- nischer und eigennütziger Mann, der die Kolonie aus plünderte“, sabotierte Försters Vorstellungen in Peters burg. Die Regierung ließ ihn fallen, verweigerte Lohn und jede Entschädigung; man suchte ihn hinzuhalten, indem, man ihm auftrug, ein Gesetzbuch auszuarbeiten; schließlich kam es zum offenen Konflikt zwischen Förster - und dem Grafen Orlow. Der Alte reiste mit dem Knaben ab, und zurückblieb ein Stachel tiefsten Unwillens über die barbarischen Methoden des Ab solutismus. Es ist möglich, daß irgendwo in Leningrader oder Moskauer Archiven noch Spuren jener Tätigkeit Försters zu finden sind. Über ihren Besuch in der deutschen Wolgarepu blik haben die deutschen Arbeiter in ihrem ..Bericht der deut schen Arbeiterdelegation“ (..Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Rußland ?“ Neuer Deutscher Verlag. Berlin 1925) eine aus führliche Darstellung gegeben: sie haben die Hauptstadt der \\ olgarepublik Pokrowsk besucht und auch eine Reihe Dörfer: sie konnten sich eingehend mit den Bewohnern unterhalten und erfuhren, daß „alle hinter der Sowjetregierung stehen und keine andere Regierung wünschten“. Rußland in Wort und Bild. Uber Sowjetrußland sprach im Rundfunk in mehreren Vorträgen des Januar I)r. Adolf Grabowsky. Er behandelte die nationalen und sozialen Probleme ferner das W irtsohaftsleben, die Lage der Landwirtschaft, die Bauernfrage sowie die Handelsbeziehungen Rußlands mit dem Ausland. Der Schlußvortrag des Zyklus behandelte das kulturelle Leben des gegenwärtigen Rußland und gab in kurzen Umrissen ein Gesamtbild des Standes der \\ issenschaft. Literatur, bildender Kunst. Musik und Theater. Erziehung und Presse im Rußland von heute. Über das Spezialthema des deutsch-russischen Handels vertrages hatte schon vorher Geheimer Regierungsrat Cleinow im Berliner Rundfunk gesprochen. Russische Dichtungen übermittelte den Radiohörern mehrfach und mit starken \\ ir- kungcn der bekannte Rezitator Alfred Beierle. Von jungen russischen Musikern hatten in Berliner Konzertsälen letzthin der Pianist Wladimir Horowitz und der Geiger N. Milstein stärksten Erfolg. In Berliner Kunstausstellungen zeigten meisterhafte Gemälde und Graphiken Kolesnikow sowie Prof. Falileeff und Frau Katarina Katschura-Falileewa. \ or- träge über Sowjetrußland hielten in einer Reihe von Städten insbesondere unsere Mitglieder Prof. Dr. Schaxel, Dr. Adolf Grabowsky und General von Schönaich. Uber Reisen und Bauten in Turkestan und anderen russisch-asiatischen Gebieten Das Präsidium d. Moskauer Gesellschaft „Hände weg von China“. In der Mitte Frau Kamenewa u. Hu-Ha- Min, der General der revolutionären Kantonarmee sprach mehrfach der Kunsthistoriker Dr. Ernst Cohn-Wiener. Von russischen Filmen hatten zuletzt „Der Postmeister , mit Moskwin in der Hauptrolle, einen durchschlagenden Erfolg wie vordem nur „Polikuschka“ und „Sein Mahnruf . Der Milstein-Essenin-Abend und unser Vortragsabend „Das neue China“ fanden im Rahmen der Veranstaltungen der Gesell schaft der Freunde des Neuen Rußland weit über den Kreis unserer Mitglieder hinaus lebhaften Anklang. Essenins Tod hat in allen Kreisen Rußlands große Anteilnahme erweckt. Die Regierung übernahm das Begräbnis auf Staatskosten. Alle wissenschaftlichen, literarischen und Bildungsorganisationen, Theater und Kunstinstitutionen veranstalteten Gedächtnisabende. Die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland in Deutschland“ veranstaltete am 25. Januar 1926 zu Berlin im großen Saale des Hotels „Russischer Hof“, Georgenstr. 20-22 (wo sich jetzt