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'Seite 42 Das Neue Rußland Nr. I "2 Die Prophylaktorien, die den Fürsorgestellen an gegliedert sind, bezwecken, die mit Geschlechtskrank heiten affizierten arbeitslosen Frauen von der Pro stitution zurückzuhalten. Die geschlechtskrank ge wordene Frau bedeutet eine Gefahr, wie jeder Träger solcher Krankheiten. Doppelt gefährlich wird aber die geschlechtskrank gewordene Frau, wenn sie keine Arbeit hat. Die Aufgabe der Prophylaktorien besteht nun darin, solchen Frauen Arbeit zu bieten und ärzt liche Behandlung angedeihen zu lassen. Das Pro- phylaktorium ist eine Werkstatt, verbunden mit einem Wohnheim, einer Speisestube, einem ärztlichen Ka binett zur Behandlung, und untersteht den Dispansairs. Nach Abschluß der ärztlichen Behandlung besorgt der Dispansair, der in Verbindung steht mit dem Arbeits nachweis und mit den Industriebetrieben, ständige Arbeit für die Frau, und ihr Platz im Prophylaktorium wird für eine Neuankommende freigehalten. Solange die Frau keine Arbeit zugewiesen erhält, darf sie aus dem Prophylaktorium nicht entlassen werden. W ährend ihres Aufenthaltes im Prophylatorium wird ihr Unter richt im Lesen und Schreiben und sonstige Bildung er teilt. Auf Grund einer Vereinbarung mit den Gewerk schaften werden die Arbeiterinnen der Prophylaktorien in die Listen der Mitglieder der Gewerkschaften ein getragen. Vor kurzem bewilligte der Moskauer Rat 85 000 Rubel (etwa 180 000 Mark) zur Erweiterung des Prophylaktoriennetzes. Die Ausgaben des Staates für Dispansairs belaufen sich durchschnittlich auf je 17 000 Rubel (35 000 Mark); die auf Lokalmittel ausgehaltenen Dispansairs haben in den großen Zentren größere Budgets, die bis je 60- bis 70 000 Rubel (150 000 Mark) jährlich erreichen. Die Versicherungskassen bewilligen gern Zuschüsse zur Entwicklung der Dispansairs. \ or meiner Abreise von Moskau bewilligte die Versicherungskasse einen nachträglichen Zuschuß von 150 000 Rubel für Sal- varsan und 18 000 Rubel für Stipendien zur Heran bildung von Fachärzten für Geschlechtskrankheiten. Zusammenfassend können wir sagen, daß die in Sowjet-Rußland bestehenden Dispansairs für Ge schlechtskrankheiten, deren Zahl sich rasch vergrößert, eine sichere Grundlage bilden für den Kampf gegen diese Krankheiten unter der städtischen Bevölkerung. Indes bestehen ' l / 5 der Bevölkerung Sowjet-Rußlands aus Bauern und den kleinen Nationalitäten, bei welchen die Syphilis, und zwar die sogenannte Milieusyphilis, große Fortschritte macht, ln diesem Teil der Be völkerung ist es bei weitem nicht so gut bestellt um die Organisation der Syphilisbekämpfung. Vor zwei Jabren machten wir den ersten \ ersuch einer planmäßigen Erfassung der Syphilisverbreitung unter den Bauern und den nationalen Minderheiten. Detachements stellen von Hof zu Hol und von Familie zu Familie Erhebungen an, um nach Möglich keit die gesamte Bevölkerung des zuständigen Bezirks zu erfassen. Im Laufe des Sommers 1925 waren 56 Detachements mit den Ermittelungen beschäftigt. Die Arbeiten der Ermittelungskolonnen haben er geben, daß die Syphilis der ländlichen Bevölkerung einen Herdcharakter trägt. Die Kolonnen stießen auf einzelne Dörfer, wo bis 45% der Einwohnerschaft von der Syphilis affiziert waren, aber daneben solche Dörfer, wo es nur einige wenige Fälle von Syphilis gab. Die Erhebungen der Detachements haben be stätigt, daß die Milieusyphilis, die auf außergeschlecht lichem Wege übertragen wird, in vielen Gouvernements 90% beträgt und nur >/j n der Fälle auf die geschlecht liche Syphilis entfällt. Diese Erscheinung ist weiter nicht verwunderlich, wenn man berücksichtigt, daß die zarische Regierung jahrhundertelang dem Vordringen von Kultur in die Dörfer geflissentlich den Weg sperrte. Das Bauerntum war fäst samt und sonders analpha betisch und lebte in primitiven Verhältnissen. Ge meinsame Tischgeräte, gemeinsame Löffel, Gabeln, Rauchpfeifen, Stillung fremder Brustkinder, rituelle Küsse an den Ostertagen und eine ganze Reihe von Gepflogenheiten, die die außergeschlechtliche Über tragung der Syphilis begünstigen, gehören zum Milieu bild unseres Hachen Landes. In einem dagestanischen Dorfe stieß eine Kolonne auf zwölf Brustkinder mit hartem Schanker auf der Lippe und sieben Frauen mit Ulcus durum an der Brust. Die Ermittelungen der Detachements haben erwiesen, daß die land läufigen Vorstellungen, als ob fast die gesamte Bauern bevölkerung mit Svphilis behaftet wäre, unzutreffend ist. Neben einzelnen Herden mit enormer Syphilis verbreitung sind die Zahlen der Syphiliserkrankungen in den größeren Bezirken nicht allzu hoch. Viel ernster liegen die Dinge bei den kleinen Na tionalitäten Sowjet-Rußlands. Im vorigen Jabre waren unter diesen Nationalitäten bis 20 Detachements tätig und ihre Ermittelungen erscheinen viel bedroh licher als die Erhebungen unter den Bauern. Eine Anzahl von Bezirken im Kaukasus weist einfe Syphili- sation in der Höhe von 15, in manchen Orten 25 und in einem dagestanischen Bezirk sogar 36% auf. Einige Teile von Turkestan, vom kirgisischen und kaimiik- kischen Distrikt haben die Ziffern 15 — 25% ergeben. Die Mongolisch-Buriatische Republik zählt am west lichen Baikalufer 42%, im östlichen Teil der Republik 61% Syphilitiker. Bei solch enormer Verbreitung der Svphilis unter den kleinen Nationalitäten ist sie fast ausschließlich eine Milieukrankheit. Diese ungeheuere Verbreitung der Lues findet ihre Erklärung darin, daß das Kulturniveau der kleinen Völker noch niedriger ist, als das unserer Bauernschaft. Eines unserer De tachements, die in der Mongoliscli-Buriatischen Re publik auf der Insel Olchon auf dem Baikalsee tätig war, stellte Ermittelungen an in einer Bevölkerung bestehend aus 3200 Buriaten, die in primitivsten Kulturverhältnissen lebten. Sie kennen keine andere Kleidung als Tierhäute, die sie im Winter und im Sommer anhaben, die Kinder werden von der Geburt an ebenfalls in Tierhäute gesteckt, bekommen vom ersten Tage an Robbentalg zum Saugen, werden mit Kuhmilch durch Rinderhörner ernährt, als Sauger dient dabei die Euterwarze einer Kuh; die Bevölkerung bedient sich spärlicher Eßgeschirre aus Ton oder Holz eigener Herstellung für gemeinsamen Gebrauch. Es ist nur natürlich, daß die Syphilis unter solchen Be dingungen einen günstigen Boden für ihre Entwickelung findet. Zahlreiche kleine Nationalitäten Rußlands, die vor wiegend in den Randgebieten wohnen, waren w ährend der letzten Jahrhunderte im Aussterben begriffen, manche sind bereits vollständig dahingeschwunden. Die zarische Regierung hatte sich niemals Gedanken darüber gemacht. Die sowjetische Regierung dagegen betrachtet es als ihre vornehmste Aufgabe, die kleinen Nationalitäten zu schützen. In letzter Zeit haben wir uns mit besonderem Interesse der Ergründung des Aussterbens dieser Stämme zugewandt und spezielle Kolonnen organisiert zum Studium der Tuberkulose,