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Seite 8 Das Neue Rußland Nr. 1 2 aus Brettern; die neueren Bauten : Krankenhäuser, Schulen usw. sind aus Ziegeln und haben Blech dächer. Die Bauart entspricht der der Bauern häuser; der Unterschied besteht nur in der Größe. Die Kirchen sind meist aus Holz gebaut und stellen ein Gemisch aller Baustile dar, d. h. sie sind recht geschmack- und stillos gebaut. Wesensart. Das harte Ringen um eine neue Heimat in der wilden, unwirtlichen Steppe und die knltmelle Überraguug der ihn umgebenden Grundbevölkerung machten den Wolgadeutschen noch selbstbewußter, als er von Hause aus war. Zu allen Zeiten blickte er mit einer gewissen Über legenheit auf seinen russischen Nachbar von oben herab. Heute ist diese hohe Selbsteinschätzung hei weitem nicht mehr in vollem Maße begründet. Die Loslösung von der eigenen völkischen Kultur hat den V olgadeutschen kulturell so weit ins Hintertreifen gebracht, daß nun der Russe — der hei seiner aufwärtsstrebenden Kultur aus dem Vollen schöpfen kann, während der Deutsche wegen sehr mangelhafter Kenntnis der Sprache auch von dieser abgesperrt ist — mit gewissem Rechte auf seinen deutschen Nachbar von oben herabschauen kann und auch herabschaut. Was ist nun der Wolgadeutsche seiner Wesens art nach ? Die eigenartige Zusammensetzung der Einwanderer und die eigenartigen Verhältnisse, in denen sie lebten, haben auch einen ganz eigen artigen Menschenschlag herangeliildet. Breit schulterig. stämmig, mit glattrasiertem, oß'enem Gesicht und klaren, blauen Augen, mit der un- trennlichen „Herzallerliebsten“, der langrolirigen, baumelnden Pfeife*) iin Munde, schaut er sieges bewußt über seine weite, breite Steppe dahin. Hier fühlt er sich frei, hier ist er zu Hause. Wetter fest, völkisch zäh, herb, bieder, rührig und un ermüdlich hei der Arbeit, hart an der heimatlichen Scholle klebend — das ist der Wolgadeutsche. Nicht nur seine Mundart hat er quellklar erhalten, sondern auch seine Sitten und Gebräuche. Er stellt somit eine Fundgrube für den Forscher auf dem Gebiete der deutschen Volkskunde dar. Kulturell ist er aber auch wohl der rückständigste ^rtreter des gesamten Deutschtums der Erde. Diese Rückständigkeit macht ihn recht unsicher und hilflos in fremder Umgehung. Die Stadt ist lür ihn eine fremde Welt, hier fühlt er sich ver lassen und ringsum von Feinden aller Art um gehen. Aber immer ist er tätig und sucht nach einem Ausweg, wenn er in eine schwere Lage gerät. Da schreckt er auch vor der Stadt, ja vor der lernen Fremde nicht zurück. Lbul erstaunlich rasch findet er sich in der neuen Umgehung zu recht, paßt sich ihr an und lebt sich ein. Aber ebenso rasch geht er dann in fremdem Volkstum unter und muß, seiner kulturellen Rückständigkeit wegen, seine völkische Eigenart, seine Sprache, *) Der Kusse sagt, gutmütig spöttelnd: „Memtschura strubkom dwa.“ preisgeben. So hat die starrköpfige Standhaftig keit, das zähe Kleben am Althergebrachten seine Licht-, aber auch seine Schattenseiten. Die geschichtliche Erfahrung selbst hat ihm übrigens gelehrt, sich allem Neuen und ihm Fremden gegenüber mißtrauisch zu verhalten. Das Neue beobachtet er zuerst lange und erprobt es gründlich, ehe er’s annimmt. Aber wenn er’s einmal gut befunden und angenommen hat, gibt er’s so leicht nicht mehr preis. So verhielt sich der deutsehe Wolgahauer auch zu den Neue rungen, die ihm unsere Zeit brachte. Trachten. Es gibt alte Redensarten wie: „Unser Bauer un sa Peif gehörn z’sanune, wie Mann un Fraa“, oder: „Sa Fraa un sa Gäul nu sa Peif verleimt m’r net.“ Aber alles ist veränderlich. Immerhin hält er auch an seinen äußeren Ge wohnheiten und Trachten zäh fest, den An sprüchen der Zeit und Verhältnisse nur ungern und langsam sich fügend. Die althergebrachten Trachten hielten sich lange, wie die Umstände es nur erlaubten. Und heute noch ruhen in den Truhen der Großmütter, ganz unten auf dem Boden, uralte Trachtenstücke, wie sie vor 100 bis 150 Jahren nach Urväterart getragen wurden. Jedoch das rauhe Klima und die anders gearteten Stoße, sowie der Zeitgeist zwangen gebieterisch zu Reformen. Der gewohnte Tuchmantel mußte dem Schafspelz, die niedrigen Schnallenschuhe den hohen Schaftstiefeln oder gar Filzstiefeln, der breitkrämpige Hut der Pelzmütze den Platz räumen. Aber auch die Neuerungen in der Tracht behalten ihr eigenartiges Gepräge. So zieht denn der Wolgadeutsche in folgender äußerer Aufmachung an unserem Auge vorüber: Auf dem Kopf im Sommer eine Schildermütze eigenartigen Schnitts, in den Kolonien selbst verfertigt ; in manchen Gegenden ist es ein schwarzer Hut aus Tuch, namentlich Sonntags: bei der Feldarbeit ein einfacher, einheimischer Strohhut. Als Sonntagskleider tragen die Männer und Burschen vielfach städtische Anzüge, aber auch noch lange, schwarze oder dunkelgraue Bratenröcke, geschlossene Westen und enge Bein kleider (Hosen) aus ein und demselben Tuch oder Baumwollstoff (Mileskin oder Kisnet). Die Bein kleider werden gewöhnlich in die hohen Stiefel schäfte eingeschlagen. Das Hemd ist das einzige Kleidungsstück, das neuerdings stark „verrußt“ ist: es ist ganz faltenlos und hat einen stehenden Kragen, der an der linken Schulter zugeknöpft wird. Aber auch dieser Schnitt weicht schon wesentlich vom russischen Vorbilde ah. Neben dem „russischen“ Hemde erhält sich jedoch auch das deutsche w r eiter. Als V erktagsunterkleider werden im Vinter, Frühling und Herbst Über zieher (allerdings „Kaftan“ genannt, aber von deutschem Schnitt), Wämse, Westen und Hosen aus selbstgewebtem, grauem oder blaugefärbtem grobem Wollstoff (Suknetucb) getragen, l im Sommer dieselben Kleider, vielfach aus seihst-