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wichtig ist daran, daß es eben ein deutscher Text war, der mit dieser neuen Schrift gedruckt wurde. Die Anlehnung an ein geschriebenes Vorbild ist deutlich zu erkennen, wenn auch die Bewegung der Schriftbilder sehr gemäßigt ist. Diese im ganzen wolilgekmgene Schrift besserte er, wie seine späteren Druckarbeiten zeigen, noch ein wenig aus. In Ulm wurde Lienhard Holle fast zu gleicher Zeit (1483) Schöpfer einer ähnlichen volkstümlichen Schrift. Weit mehr noch an ein geschriebenes Vorbild lehnte sich die Type, mit der Koberger in Nürnberg 1483 seine deutsche Bibel druckte, an. In dieser finden wir besonders die wirkungsvollen Schleifen bei dem gemeinen d, b, h und 1, und auch sonst zeigt die Schrift einen sehr gesunden, kräftigen, etwas spitzigen Federduktus. Erst nach Erscheinen dieser Schriften von Koberger und Holle ent schloß sich Peter Schöffer in Mainz, eine ähn liche Schrift zu schneiden, wobei er sich stark an beide anlehnte, und dies, obwohl schon drei ßig Jahre Gutenberg vor ihm den Anstoß zu dieser ganzen Bewegung gegeben hatte: es han delt sich hier um die Type, mit denen er u. a. seine Ablaßzettel gedruckt hatte. Koberger hat dann nochmals zu einer neuen Schwabacher Schrift im Jahre 1493 sich aufgeschwungen, er kehrte dabei aber eigentlich zurück zu den An fängen, da seine Schwabacher sich der Bämler- Type nähert. Die sog. Nürnberger Schwabacher hat dann im Laufe des 16. Jahrhunderts ver schiedene kleine Wandlungen durchgemacht, sie verschwand mehr und mehr aus den Druck werken, wurde durch die Fraktur verdrängt und führte bis zum 19. Jahrhundert nur mehr noch ein verborgenes Dasein, bis sie endlich durch die Schriftgießereien von Genzsch und Heyse und Fl inseh eine Wiederbelebung erfcüir. Ehmcke, dessen Schwabacher durch die Schrift gießerei Stempel herausgebracht wurde, und Schneidler, der für Scheiter & Giesecke eine schuf, sind noch weitergegangen in der Bele bung des Schriftcharakters des 15. Jahrhunderts. Während nun so die Schwabacher der ausge sprochene Vertreter des kräftigen und gesun den Geschmackes der deutschen Kultur des 15. Jahrhunderts ist, stellt die Fraktur den Ver treter der deutschen Kultur des 16. Jahrhun derts dar. Jeder Kenner der Kunst dieser Zeiten spürt, wie sehr beide nicht nur einem besonde ren Zeitstile, sondern auch dem Wesen zweier deutscher Volksstämme entsprechen, die eine mehr dem schwäbischen, die andere mehr dem bayrischen. Zwar ist die Fraktur in Nürnberg entstanden, aber doch dorthin eingeführt durch die künstlerischen Bestrebungen der Schreib meister und Maler, die in Oesterreich und Tirol für Kaiser Maximilian gearbeitet hatten. Und auch diese deutsche Schrift ist nicht mit einem Male auf der Bildfläche erschienen, sondern Schriften wie die Type des Gebetbuches für Kaiser Maximilian (1512) und die Theuerdank- type (1515), beide Schöpfungen des Augsbur ger Druckers Hans Schönsperger, sind ihr vor ausgegangen. Die letztere ist das eigentliche Prototyp der sog. Kanzleischriften. Auf Grund dieser beiden Schriften und vor allem der Schriftbilder, die von ihm in Holz geschnittene Pforte der Ehren und Macht für Kaiser Maxi milian aufweisen, gelangte dann der Nürnber ger Drucker Hieronymus Andreae zu der Frak tur, die eigentlich nichts anderes ist als eine vereinfachte Kanzlei. So lag denn Anfang der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts, als Werk der Arbeit mehrerer Generationen, eine Summe von Schriftarten vor: Textur, Schwabacher, Ro- tund, Kanzlei, Fraktur. Hierzu kam noch die nach dem Jahre 1500 sich, einbiirgernde Anti qua nach italienischen Vorbildern und die von Aldus geschaffene Kursiv — beide Schriften wurden natürlich nur für lateinischen Satz ver wendet —, während die erstgenannte Gruppe außer für deutschen mitunter auch für lateini schen gebraucht wurde; und mit diesem Vorrat trat dann die deutsche Druckerwelt in das 17. Jahrhundert ein. Es sollte im Hinblick auf die Tätigkeit der deutschen Schriftschneider in Deutschland ein sehr unfruchtbares werden. Die Führung im Schriftschneiden übernahmen nun die Niederländer, an ihre Stelle traten im 18. Jahrhundert die Franzosen; beide pflegten fast ausschließlich den Schnitt von Antiqua und Kursiv. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts erwachte in Deutschland wieder das Gefühl bei den Druckern uncl Verlegern, auch dem Schrift schnitt ihr Augenmerk zuwenden zu müssen. Breitkopf und Unger setzen sich für die Wie derbelebung der Fraktur ein, uncl dies zu einer Zeit, wo unsere deutschen Schriftsteller und Dichter mit vollen Segeln ins Fahrwasser anti ker klassischer Kultur fuhren. Der Gegensatz zwischen Anhängern und Gegnern der Fraktur tritt in jener Zeit zum erstenmal mit deutlicher Schärfe hervor. Gerade in dieser Zeit setzten sich Kant, Jean Paul, auch Goethe und andere für die Erhaltung derFraktur ein. Wären nicht als- 21