Rituale und die Ordnung der Welt – Darstellungen aus Heidelberger Handschriften und Drucken des 12. bis 18. Jahrhunderts

Rituale ordnen die Welt. Jede Gesellschaft vergewissert sich fortlaufend der Gültigkeit von Werten und Normen durch symbolisches Handeln, das diese Ordnungsvorstellungen sinnlich wahrnehmbar macht. Noch offensichtlicher als in modernen Kulturen gilt diese Leithypothese des Heidelberger SFB 619 „Ritualdynamik“ für die europäische Vormoderne, in der das Zusammenleben der Menschen nur selten durch geschriebene Verfassungen und Gesetzesbücher geregelt war.

In der vormodernen Welt waren die herrschenden Eliten damit auf die stete Veranschaulichung ihrer Macht angewiesen. Rituale, so der Konsens breiter interdisziplinärer Forschungen der letzten Jahrzehnte, werden daher nicht länger als schmückendes Beiwerk politischer Entschlüsse und militärischer Entscheidungen gedeutet. Stattdessen sind sie in den Blick gerückt als Schlüssel für das Verständnis europäischer Gesellschaften der Vormoderne.

Die Bedeutung der Rituale in den aktuellen Kulturwissenschaften findet Entsprechung in der Aufmerksamkeit, die ihnen schon die Zeitgenossen schenkten. In liturgischen Ordines und weltlichen Zeremonialbüchern trafen sie detaillierte Absprachen über das einzuhaltende Protokoll. In Chroniken und Diarien hielten sie den zeremoniellen Ablauf politischer Großereignisse für Zeitgenossen wie Nachkommen fest. In moralisch-didaktischen und literarischen Werken beschrieben sie ihre Idealvorstellungen von Form und Funktion der Rituale. Auch und gerade in Bildern wurden die symbolischen Akte dargestellt. Die in diesem Katalog dokumentierte Ausstellung nimmt daher die Macht des Rituals in Politik, Religion, Gesellschaft und Recht am Beispiel von Zeichnungen, Holzschnitten und Stichen aus den Tresoren der Universitätsbibliothek Heidelberg in den Blick.

Rituale und die Ordnung der Welt – Darstellungen aus Heidelberger Handschriften und Drucken des 12. bis 18. Jahrhunderts