Der Erste Weltkrieg. Das Fotoalbum und die Amateurfotografie

Der Lehrer Albert Wiese mit Balgenkamera und Stativ, fotografiert wohl von seiner Ehefrau, Februar 1914, Inv.-Nr. df_w_0214303
Der Lehrer Albert Wiese mit Balgenkamera und Stativ, fotografiert wohl von seiner Ehefrau, Februar 1914, Inv.-Nr. df_w_0214303

Das änderte sich mit dem Ersten Weltkrieg, der nicht nur 17 Millionen Menschen das Leben kostete, sondern zugleich enorme Auswirkungen auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hatte. Für die Geschichte der Fotografie war beispielsweise das vermehrte Aufkommen von Luftbildern ein sichtbares Ergebnis. Und Erinnerungsfotos für die ins Feld ziehenden Soldaten sind eine logische Folge der Kriegsereignisse gewesen. Visitfotos findet man spätestens jetzt in nahezu allen Schichten der Bevölkerung. Es existieren aus dieser Zeit Kataloge (beispielsweise von Meyer & Wanner von 1914 oder von Walter Talbot aus dem Kriegsjahr 1916), in denen einerseits noch Einsteckalben wie andererseits auch schon Klebealben in unterschiedlichen Serien und Preislagen angeboten wurden. Wie breit die Palette gewesen sein muss, lässt sich aus der Tatsache schließen, dass auch aus diesen Jahren keine Alben-Doubletten in der Dresdener Sammlung auftauchen.

Zudem hielt die Amateurfotografie nun in großem Umfang Einzug, und diese brachte nicht nur sehr spezielle Albenthemen mit sich, sondern auch eine bedeutend größere Erzählfreudigkeit und Kreativität. In den 1920er und 1930er Jahren bevorzugte man das querformatige Klebealbum mit Kordelbindung. Bei den aufwendigeren Exemplaren besitzt diese Kordel an beiden Enden bemalte, mitunter sogar vergoldete Perlen. Der Einband kann aus einfachem, oftmals bedrucktem Karton bestehen, oder – und diese Alben haben einen ganz besonderen Reiz – mit den vielfältigsten Spielarten jenes wunderbaren Batikpapiers bezogen sein, das man zur Zeit des Art Déco so liebte. Hinzu kommen modische Samtstoffe und Webereien, gelegentlich fand auch geschnitztes Holz, in einem Falle sogar Wachstuch Verwendung.

Mit der Zunahme der Individualität beginnen diese Alben jetzt mehr von ihren Besitzern zu erzählen. Auch wenn die überlieferten Namen in den meisten Fällen dem heutigen Betrachter nichts sagen, so übernehmen jetzt die Alben selber die Erzählung. Ob in kleinen und großen Fotoserien oder in einzelnen Schnappschüssen, berichtet wird von den Interessen, Unternehmungen, Reisen, familiären oder ganz persönlichen Ereignissen, und natürlich auch wieder vom Wechsel der Kleidermoden und Frisuren sowie vom mittlerweile etwas unbefangeneren Umgang der Geschlechter untereinander. Letzteres ist vor allem in den Aufnahmen aus der Freizeit und von Reisen zu beobachten. Wenn also »die goldenen Jahre der Photoalben“ mit der aufwendigen, äußeren Erscheinungsform vor dem Ersten Weltkrieg lagen, so scheint doch ihre kreativste Zeit in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gewesen zu sein.

Insbesondere seit den 1940er Jahren findet man bei den Einbänden vielfach geprägte Dekore, die an Schlangenhaut oder Baumrinde erinnern. Im Grunde sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Die klassische Metallschließe beispielsweise wird mitunter durch gürtelähnliche Verschlüsse mit Schnallen oder Steckschlössern ersetzt. Zugleich scheint der Höhepunkt der Entwicklung aber auch überschritten zu sein.

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