Der Querschnitt

Der Querschnitt, 1. Jahrgang (1921), Heft 1, Januar, Entwurf unbekannt
Der Querschnitt, 1. Jahrgang (1921), Heft 1, Januar, Entwurf unbekannt

16 Jahrgänge, 1921 bis 1936 
erschienen bis 1925 im Verlag der Galerie Flechtheim Berlin-Düsseldorf; bis 1933 im Verlag Ullstein - Propyläen, Berlin; bis 1935 im Kurt Wolff Verlag, Berlin; bis 1936 im Stieglitzer Verlag, Berlin 
Beilage: Auktions-Preise, erschienen von 1926 bis 1927 
152 Heft-Ausgaben, ein Sonderheft 1928, 11 Beilagen, vollständig digitalisiert 
Zu den Digitalisaten 

 

Als intellektuell anspruchsvollstes illustriertes Magazin der 1920er Jahre gilt zweifellos der »Querschnitt«. Seit 1921 veröffentlichte der Galerist und Kunstsammler Alfred Flechtheim die Hefte zunächst als Mitteilungsblatt seiner neuen Berliner Galerie. 1924 übernahm Hermann von Wedderkop im Hause Ullstein die Herausgeberschaft, und der an eine kulturinteressierte Oberschicht adressierte »Querschnitt« etablierte sich bald als modernes Zeitgeistmagazin.

Die Ausgaben waren durch internationale Literaturbeiträge (z.B. von Ernest Hemingway, Wladimir Majakowskij, Joachim Ringelnatz, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Marcel Proust, Esra Pound, James Joyce) geprägt, zuweilen auch in Originalsprache, häufig in Erstübersetzung oder Erstdrucken. Ästhetisch herausragende lllustrationen und Fotografien stehen niveauvollem Geplauder im Feuilleton-Stil gegenüber. Porträts von Stars und Sternchen bieten ebenso ästhetische Reize wie die Akt- und Sportleraufnahmen oder aus den ungewöhnlichen Perspektiven des Neuen Sehens aufgenommene Straßenszenen. Typisch für den »Querschnitt« sind zudem die in ihrer Zusammenstellung oft hintersinnigen, zuweilen auch provokativen Fotokombinationen der Kunstdruck-Teile.

1936 wurde »Der Querschnitt« verboten: Vordergründigen Anlass boten sarkastische Fremdwort-Definitionen in Heft Nr. 9, die sich auf die aktuelle politische Situation beziehen ließen. Ein letztes Heft wurde im Oktober 1936 zwar noch produziert, aber nicht mehr an die Kioske ausgeliefert.

Coverentwürfe des Magazin ›Querschnitt‹
Der Querschnitt, 11. Jahrgang (1931), Heft 1, Januar, Titelblatt, Entwurf: George Grosz
Der Querschnitt, 11. Jahrgang (1931), Heft 1, Januar, Titelblatt, Entwurf: George Grosz

Heft im Focus

Der Querschnitt, 11. Jahrgang (1931), Heft 1, Januar: Einblicke ins Glashaus

Die Femme Fatale, angehimmelt von ihrem jugendlichen Liebhaber, im Halbschatten ein grimmiger Regisseur in wilder Geste, während der Operateur die Filmkamera bedient – mit wenigen Strichen gelang dem großen Gesellschaftskritiker George Grosz einmal mehr eine der für ihn typischen Miniaturen. Sie ziert den Titel des (unbezeichneten) Themenhefts Film des »Querschnitt«, teilweise verdeckt durch die aufgeklebte Inhaltsangabe im Layout mehrerer Filmkader. An der Schwelle vom Stumm- zum Tonfilm präsentierte Herausgeber Wedderkop kurze Stücke von Literaten und Filmschaffenden, das Bildmaterial der Filmverleihe in untypischer Zusammenstellung und immer wieder unerwartete, sozialkritische Einblicke in eine Welt jenseits des Glamours.

Beispiele gefällig? Die Gegenüberstellung des (verbotenen) Remarque-Films »Im Westen nichts Neues« und der (zugelassenen) Klamotte »Kriegsschwester«. Oder surrealistische Motive aus Bunuel-Filmen, gemeinsam mit einem Foto der Leinwand, die bei der Premiere in Paris mit Tintenfässern beworfen wurde. Erich Salomons Blick hinter die Kulissen eines Katastrophenfilms. Schließlich die »Querschnitt«-typische Gegenüberstellung einer Al-Jolson-Maske mit der Ansicht eines Gibbon-Affen – und immer wieder Szenenfotos aus russischen und proletarischen Filmen.

Die Texte bemühen sich um eine distanziert-wohlwollende Würdigung, schwankend zwischen dem »Gruß an den Film« von Blaise Cendrars und Bernard Fays Prophezeiung vom »Tod des Kinos« eine Seite weiter. Mit René Clair, Jean Renoir, Eisenstein, Dupont und Chaplin erhalten gerade die europäischen Intellektuellen aus der Filmbranche eine Gelegenheit, sich gegenüber dem scheinbar übermächtigen Moloch Hollywood zu positionieren. Und dann passt es auch ins Bild, wenn der kulturkritische Schriftsteller Georges Duhamel, später Mitglied der Académie française, dem Leser sein gnadenloses Verdikt entgegenschleudern darf: »Das Kino ist eine Unterhaltung für Sklaven, ein Zeitvertreib für Ungebildete, die verblödet sind durch Arbeit und Sorgen.«

Patrick Rössler