Handexemplare der Kataloge des Auktionshauses Hugo Helbing

Derzeit sind der Forschung weit über 800 Auktionskataloge der Galerie Helbing in München, Berlin und Frankfurt am Main bekannt. Über „German Sales“ werden nun auch Handexemplare (auch: „Protokollkataloge“) der Kataloge des Münchner Auktionshauses Hugo Helbing zur Verfügung gestellt.

Die bislang bekannten gut 1.100 annotierten Handexemplare unterscheiden sich von den „zufällig“ bzw. selektiv und partikular von Besuchern der Auktionen annotierten Kataloge dadurch, dass sie in der Regel wesentlich vollständigere und somit verlässliche Informationen zu den Einlieferern – und folglich Provenienzen – der versteigerten Kunstwerke liefern, ebenso wie zu den Käufern und den auf der Auktion erzielten Preisen. Dieses unikale Quellenmaterial zur Geschichte des deutschen Kunsthandels ist für viele Forschungsfragen von exzeptioneller Bedeutung. Vielfach sind den Handexemplaren Listen mit „außer Katalog“ angebotenen bzw. gehandelten Objekten beigefügt.

Hugo Helbing (1863–1938) hatte 1885 seine erste Kunsthandlung in München eröffnet und veranstaltete ab 1887 Auktionen in stetig steigender Anzahl. Mit dem Umzug in das von Gabriel von Seidl (1848–1913) errichtete Eckhaus in der Liebigstraße 21 im Jahr 1900 konnte die 100. Kunstauktion Hugo Helbings im April 1902 endlich in eigenen „museumsartig eingerichteten Räumen“ stattfinden. Im Frühjahr 1906 trat Theodor Neustätter als Teilhaber in die offene Handelsgesellschaft ein, 1915 kamen Dr. Ernst Spiegel und Hugo Helbings Sohn aus erster Ehe, Fritz Helbing (1888–1943), hinzu.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte das Kunstversteigerungswesen in Deutschland eine Blütezeit, auch die Zahl der bei Helbing abgehaltenen Auktionen stieg rapide. Zu den über 800 Auktionen, die Helbing zwischen 1885 und 1937 veranstaltete, erschienen aufwendig illustrierte wissenschaftliche Kataloge. Für seine Verdienste erhielt Helbing 1911 den Titel des Kommerzienrates, 1918 den Titel des Geheimen Kommerzienrates.

Trotz Zusammenbruchs des Auslandsgeschäfts brachte der Erste Weltkrieg kaum wirtschaftliche Einbußen auf dem Kunstmarktsektor. 1916 eröffnete Helbing eine Zweigniederlassung in Berlin und gründete eine Auktionsgemeinschaft mit dem Kunstsalon von Paul Cassirer (1871–1926). Gemeinsam mit der Firma Cassirer – nach Cassirers Tod vertreten durch Grete Ring (1887–1952) und Walther Feilchenfeldt (1894–1953) – veranstaltete Helbing bis 1932 über 80 Versteigerungen bedeutender Sammlungen auf einem Preisniveau, das mit Häusern in Paris und London mithalten konnte.

Im Juli 1933 wurde die „Gleichschaltung“ des Verbands des deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels e.V. vorgenommen. Der Münchner Kunsthändler Adolf Weinmüller (1886-1958), seit 1931 Mitglied der NSDAP, wurde zum Vorsitzenden ernannt. Er zeichnete mitverantwortlich für das am 16. Oktober 1934 verabschiedete Gesetz über das Versteigerergewerbe, das jüdischen Händlern die Versteigererlizenz fortan versagte. Im August 1935 wurden vierzig jüdische Kunst- und Antiquitätenhandlungen sowie Antiquariate per Einschreiben zur „Umgruppierung oder Auflösung“ des Betriebes binnen vier Wochen aufgefordert. Wenngleich sich die „Abwicklung“ und „Arisierung“ der Galerie Helbing noch bis 1941 hinziehen sollte, war das Geschäft durch die neue Versteigerergesetzgebung bereits lahmgelegt. Unter der Leitung des „arischen“ Prokuristen Adolf Alt konnten zwischen 1935 und 1937 nur mehr wenige Auktionen bei Helbing abgehalten werden.

Hugo Helbing wurde in der „Reichspogromnacht“ verhaftet, brutal niedergeschlagen und erlag wenige Tage darauf im Alter von 75 Jahren am 30. November 1938 seinen schweren Verletzungen.

Neben der Filiale in Berlin hatte Hugo Helbing im Jahr 1919 in Frankfurt am Main eine weitere Zweigstelle in der 1883 erbauten Villa in der Bockenheimer Landstraße 8 – seit 1917 in Besitz von Max von Goldschmidt-Rothschild (1843–1940) – begründet. Als Prokurist hatte Helbing den Kunsthistoriker Dr. Arthur Kauffmann (1887-1983) eingestellt, der bald darauf Direktor und gleichberechtigter Partner wurde. Im Frühjahr 1935 mussten auch die Frankfurter Kunsthändler einen Antrag auf Erneuerung der Versteigerer-Erlaubnis einreichen, welche Kauffmann aufgrund seiner jüdischen Abstammung jedoch untersagt blieb. 1938 emigrierte er mit seiner Familie nach London und kehrte auch nach dem Krieg nicht mehr zurück.

Bereits in Heidelberg digitalisiert sind knapp 400 Kataloge, die in die Bibliothek des Kunsthaus Zürich und im Paul Cassirer & Walter Feilchenfeldt Archiv, Zürich, aufbewahrt werden.

Übersicht aller digitalisierten Helbing-Kataloge, die bislang über „German Sales“ bereitgestellt werden

Mit Fragen wenden Sie sich bitte an die Bibliothek des Kunsthauses Zürich (bibliothek@kunsthaus.ch) oder an die UB Heidelberg (redaktion@arthistoricum.net), mit allgemeineren Fragen zur Geschichte des Auktionshauses an Prof. Dr. Meike Hopp.

Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München und die UB Heidelberg bereiten in Kooperation mit der TU Berlin aktuell ein gemeinsames Projekt vor, dessen Ziel zum einen die Digitalisierung und nachhaltige Online-Bereitstellung aller bisher bekannten und noch nicht digitalisierten Handexemplare ist.

Zum anderen soll im Rahmen die wissenschaftliche Beschreibung der annotierten Katalogexemplare, eine Typisierung und Systematisierung der Auktions-Annotationen sowie die Entwicklung und Evaluierung eines Modells zu deren strukturierten Erfassung erfolgen.