Warum führte Emmenegger ein «Maltechnik-Notizbuch»?

Natürlich stellt sich die Frage, was Hans Emmenegger veranlasste, seine Maltechnik in einem ausschliesslich dafür bestimmten Notizbuch genau zu dokumentieren. Einige Hinweise auf mögliche Beweggründe hat die Auswertung des Maltechnik-Notizbuchs im Rahmen des Forschungsprojekts von SIK-ISEA bereits geliefert.
Ein wichtiger Beweggrund für seine systematischen Notizen muss der Wunsch gewesen sein, eine bessere Kontrolle über gewisse Bildeffekte zu erlangen, um maltechnisch Gelungenes später – quasi nach Rezept – wiederholen können.
Zudem hatte Emmenegger die Farbensorte gewechselt, kurz bevor er das Notizbuch in Gebrauch nahm. Während er bis 1900 noch die Ölfarben der Sorte «Edouard» benutzt hatte, die von einer kleinen Pariser Manufaktur produziert wurden, malte er im Februar 1901, als er seine ersten Einträge im Logbuch machte, bereits mit den Harz-Ölfarben der Sorte «Mussini». Mussini-Farben, die seit den 1890er Jahren von der deutschen Firma H. Schmincke und Co. produziert wurden (und übrigens bis heute produziert werden), eigneten sich besonders gut zum Lasieren. Ebendiese Eigenschaft der Mussini-Farben wollte der Maler offenbar nutzen, denn seine allerersten Logbucheinträge vom Februar 1901 dokumentieren systematische Lasierversuche.
Und schliesslich sorgte sich Emmenegger – wie viele seiner Zeitgenossen auch – um die Haltbarkeit seiner Werke. Um 1900 kam immer wieder neues und teilweise instabiles Malmaterial auf den Markt. Er selbst musste erleben, wie sich innert weniger Wochen gewisse Farbbereiche in seinen Bildern verfärbten und andere Partien der Farbschicht durch Schwundrisse verunstaltet wurden; solche Pannen wollte er auf ihre Ursachen zurückführen können.
Die Frage, warum er sein Logbuch im Juli 1905 wieder aufgab, beantwortete der Maler übrigens selbst. Nach seinem letzten Eintrag vom 23. Juni 1905 notierte er, es würde «nicht weitergeführt, da sein Nutzen in keinem Verhältnis zu stehen scheint mit der Arbeit, die es verursacht».