Emmeneggers Maltechnik

Das 1901 erschienene Handbuch Technik der Malerei von Paul Schultze-Naumburg rät zum Entfetten ölhaltiger Grundierungen durch Waschen mit Alkohol, Terpentinöl oder «dünnem» Seifenwasser.
Das 1901 erschienene Handbuch Technik der Malerei von Paul Schultze-Naumburg rät zum Entfetten ölhaltiger Grundierungen durch Waschen mit Alkohol, Terpentinöl oder «dünnem» Seifenwasser.

Der Wunsch, seine Maltechnik gut kontrollieren zu können, muss eine wichtige Motivation gewesen sein für die maltechnischen Notizen, die Emmenegger zwischen 1901 und 1905 aufzeichnete. Andere Methoden als die von ihm gewählte Schichtenmalerei scheinen ihn damals nicht gereizt zu haben; so zeigte er beispielsweise keinerlei Interesse an der Temperamalerei, die viele seiner Zeitgenossen faszinierte. Er wollte seine Technik nicht ändern, sondern möglichst gut in den Griff bekommen.
Als Bildträger benutzte er gewerblich vorgrundierte Malleinen. Mehrere Rollen vorgrundierter Malleinen unterschiedlicher Beschaffenheit und Herkunft hatte er zu einem früheren Zeitpunkt bereits angeschafft. Er schnitt sie selbst zu, spannte sie auf Keilrahmen auf und versah jeden aufgespannten Bildträger zusätzlich mit einer eigenen, zweiten Grundierung aus weisser Bleiweiss-Ölfarbe. Sobald ein Bildträger auf diese Weise vorbereitet war, nahm er ihn mit einem – vorerst meist noch unvollständigen – Werkeintrag ins Verzeichnis der Leinwände auf. Wenn er das aufgespannte Malleinen für eine spezifische Arbeit bestimmt hatte, ergänzte er den Eintrag mit Werkkategorie und Titel.
Normalerweise liess er die zweite Grundierung einige Wochen trocknen und härten. Bevor er den Bildträger in Gebrauch nahm, wusch er die Grundierung mit Seifenwasser, «Weingeist», Terpentin oder Benzol. Erst am nächsten Tag führte er darauf mit Kohle seine Unterzeichnung aus oder übertrug die Umrisse eines bereits vorhandenen Sujets mit einer Pause und sogenanntem «Indigopapier» (blauem Durchschlagpapier). Kohle-Unterzeichnungen fixierte er mit «Schellack-Fixativ». Die Untermalung erfolgte mit Mussini-Farben. Stets deckte er dabei die gesamte Bildfläche ab; die helle Grundierung blieb bei ihm niemals sichtbar. Im Idealfall – wenn Emmenegger nicht unter Zeitdruck stand – liess er die Untermalung nun mehrere Wochen trocknen. Bevor er zur «Übermalung» oder «Vollendung» schritt, wusch er die Untermalung mit Seifenwasser oder einem organischen Lösemittel und überzog Farbbereiche, die beim Trocknen matt geworden waren, mit einem Retuschierfirnis. Anschliessend «übermalte» bzw. «vollendete» er das Bild, wobei er wiederum Mussini-Farben verwendete, die er mit bis zu drei verschiedenen Malmitteln mischte. Zwischendurch und zuletzt trug er weitere Lagen von Retuschierfirnis auf, insbesondere auf matt gewordene Partien.
Fast jeden der oben erwähnten Schritte stellte Emmenegger irgendwann in Frage. Welche Grundierung war die beste, wenn er lasierend malen wollte? War es richtig, die Kohle-Unterzeichnung zu fixieren? Welches Malmittel führte zu welchem Effekt? Welche Farbmischungen blieben stabil? Nur von der Wichtigkeit des interimistischen Waschens blieb er immer felsenfest überzeugt. Manchmal wusch er sogar die «vollendete» Farbschicht, bevor er sie ein weiteres Mal überarbeitete. Er nahm an, durch diese Massnahme den vorhandenen Schichten überschüssiges Bindemittel zu entziehen, die Haftung zur nächsten Schicht zu verbessern und das Risiko von Frühschwundrissen zu verringern. Tatsächlich rät eines der modernen maltechnischen Handbücher, die er in diesem Zeitraum konsultierte (Technik der Malerei von Paul Schultze-Naumburg, Leipzig: Haberland, 1901), zum Entfetten ölhaltiger Grundierungen durch Waschen mit Alkohol, Terpentinöl oder «dünnem» Seifenwasser. Davon, dass auch die Farbschicht zwischendurch gewaschen und entfettet werde solle, ist dort jedoch nicht die Rede.