Elfriede Lohse-Wächtler: Briefe in der Sammlung Prinzhorn

Etwa 250 Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken von Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940) wurden 2021 Teil der Sammlung Prinzhorn. Gleichzeitig kam das Lohse-Wächtler-Archiv mit zahlreichen privaten Briefen, Dokumenten und Fotos hinzu. Die Sammlung Prinzhorn ist damit die wichtige Forschungsstelle für die zwischen neuer Sachlichkeit und Expressionismus zu verortende Malerin. Mehr als 60 Briefe und Postkarten Lohse-Wächtlers werden nun auf dieser Plattform zu Forschungszwecken digital zur Verfügung gestellt. Die Sammlung Prinzhorn strebt in einem zweiten Schritt die wissenschaftliche Auswertung der Korrespondenz in Form einer digitalen Edition an. Die Briefe sollen im TEI-XML-Format nach den Richtlinien der Text Encoding Initiative (TEI) transkribiert, editiert und kommentiert werden. Einige der Briefe und Postkarten Lohse-Wächtlers enthalten Zeichnungen und Aquarelle. Diese sollen kunsthistorisch in der Objektdatenbank heidICON erschlossen und die Werkbeschreibungen in der Edition visualisiert werden.

Die Briefe stammen aus dem Nachlass des Bruders Hubert Wächtler und sind überwiegend an ihn sowie die Eltern, Sidonie und (Gustav) Adolf Wächtler, adressiert. Nur drei der im Nachlass erhaltenen Briefe richten sich an außenstehende Personen: ein Schreiben von 1928 ist an die Hamburger Senatskommission für die Kunstpflege adressiert, die beiden anderen Briefe, die im März 1932, kurz vor Lohse-Wächtlers Einweisung in die psychiatrische Anstalt Arnsdorf verfasst und offenbar nicht abgeschickt wurden, schrieb sie im Krankenhaus Löbtau an die in Dresden lebende Auftraggeberin Lene Müntnzer und die Hamburger Goldschmiedin Kät(h)e Bub.

Elfriede Lohse-Wächtler schlug früh einen unkonventionellen Lebensweg ein: In einer Zeit, als Frauen der Zugang zur Akademie noch verwehrt war, entschied sie sich Künstlerin zu werden. Mit 16 Jahren verließ sie im Streit mit dem Vater ihr Elternhaus und besuchte von 1915 bis 1918 die Königliche Kunstgewerbeschule Dresden, belegte aber von 1916 bis 1919 auch Mal- und Zeichenkurse an der Dresdner Kunstakademie. Sie fand Anschluss an die Dresdner Sezession Gruppe 1919 und Aufnahme in den Freundeskreis um Otto Dix, Otto Griebel und Conrad Felixmüller. Mit Batiken, Postkarten- und Illustrationsarbeiten erwarb sie sich ihren Lebensunterhalt. 1921 heiratete sie den Maler und Opernsänger Kurt Lohse, mit dem sie 1922 nach Görlitz und 1925 nach Hamburg ging. Doch die Ehe war von Streit geprägt, 1926 trennte sich das Paar. Anfang 1929 erlitt Lohse-Wächtler einen Nervenzusammenbruch und wurde in die Hamburger Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen. Kurz danach zeigte sie erfolgreich eine Gruppe von „Friedrichsberger Köpfen“, Porträts von Mitpatientinnen und Pflegerinnen, in einem Hamburger „Kunstsalon“. In der Folgezeit entstanden viele Bilder vom Hamburger Halbweltmilieu und erstaunlich schonungslose Selbstporträts, die auch ausgestellt, aber kaum verkauft wurden. 1931 zwang die Künstlerin finanzielle Not zurück nach Dresden zu den Eltern, wo es erneut zu Konflikten mit dem Vater kam. 1932 führten psychische Probleme zu ihrer Aufnahme in die Landesanstalt Arnsdorf bei Dresden. 1935 ließ sich ihr Mann scheiden, kurz darauf wurde Lohse-Wächtler zwangssterilisiert. 1940 ermordeten nationalsozialistische Ärzte sie in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein.

1994 gründete sich in Hamburg der Förderverein Elfriede Lohse-Wächtler e.V., um der Malerin wieder einen Namen, ein Gesicht und eine Stimme in der Kunstgeschichte Deutschlands zu geben.

Der Nachlass von Elfriede Lohse-Wächtler wurde von 1988 bis 2020 von Marianne und Rolf Rosowski verwaltet, die für ihre Bemühungen um die Bewahrung dieses geistig-kulturellen Erbes 2016 den Verdienstorden des Freistaates Sachsen erhielten. Die Übernahme des Nachlasses durch die Sammlung Prinzhorn konnte zur einen Hälfte mit einer großzügigen Spende der Schaller-Nikolich Stiftung, zur anderen mit der Unterstützung privater Geldgeber finanziert werden.

Alle Werke © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Elfriede Lohse-Wächtler: Briefe in der Sammlung Prinzhorn

Aktuelles

Mittwoch, 8. Juli 2026, 19 Uhr
Vortrag von Museumsleiter Thomas Röske mit Auszügen aus Briefen von
Elfriede Lohse-Wächtler
In Kooperation mit der GEDOK Heidelberg
Ort: Museum Sammlung Prinzhorn
Eintritt frei

Ausstellung

ELFRIEDE LOHSE-WÄCHTLER
»Ich als Irrwisch«. Hommage zum 125. Geburtstag
27. Oktober 2024 – 9. Februar 2025
Ernst Barlach Haus – Hamburg
28. Juni 2025 – 2. November 2025
Kunsthalle Vogelmann – Heilbronn

Symposium

Elfriede Lohse-Wächtler heute
Symposium im Ernst Barlach Haus Hamburg
18. und 19. Januar 2025
Programm als PDF-Download